Mit Gottvertrauen

Trotz Ruhestandes möchte der Witwer Bernhard Drapatz noch arbeiten: als Diakon und dann als Priester

Die Türme von St. Severi auf dem Erfurter Domberg vor blau-weißem Himmel

St. Severi auf dem Erfurter Domberg ist für Bernhard Drapatz nicht irgendeine Kirche. Hier heiratete er und wurden seine vier Kinder getauft, hier feiert er jeden Sonntag die Heilige Messe mit, und von hier hat er seine Frau Christina vor drei Jahren zu Grabe getragen. Nun soll St. Severi auch seine Weihekirche werden, wo ihn Bischof Joachim Wanke am 17. Dezember zum Diakon weiht. Denn Bernhard Drapatz, Ruheständler und 63 Jahre alt, möchte Priester werden.

Man kann sich einen ruhigeren Lebensabend vorstellen, denn als Kleriker in die Seelsorge zu gehen. Doch nach dem Tod der Ehefrau, mit 57 Jahren nach langer, schwerer Krankheit, fragte sich der früh Verwitwete, wie es mit ihm weitergehen solle. Für die Kinder musste er nicht mehr sorgen, die hatten schon längst das Haus verlassen und sich beruflich etabliert. So reifte der Wunsch, Diakon zu werden.

Die Idee kam nicht von ungefähr. Schon vor 30 Jahren hatte Drapatz ähnliche Überlegungen angestellt. Das war nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65), das der katholischen Kirche wieder ermöglichte, verheirateten Männern das Amt eines ständigen Diakons zu übertragen. Ständig, das heißt, bis ans Lebensende und ohne spätere Priesterweihe. Im Lauf der Kirchengeschichte hatte sich nämlich das ursprünglich selbständige Diakonat zu einer Art Vorstufe des Priestertums entwickelt, das nur ehelos lebenden Männern offensteht. Seit dem Konzil können nun auch Verheiratete als Diakone – übersetzt heißt das: Diener, Helfer – in der Messe das Evangelium verkünden, taufen, Religionsunterricht geben und sich in der Gemeinde besonders um Notleidende, Alte und Kranke kümmern.

Bernhard DRapatz vor einem Foto der Severi-Kirche in ErfurtDamals entschied sich Bernhard Drapatz (Foto rechts) gegen diesen Weg – wegen der Familie mit kleinen Kindern und pflegebedürftigen Eltern und Schwiegereltern. Er engagierte sich aber weiterhin in der Severi-Gemeinde. "Das Herz hing und hängt immer an der Kirche", sagt er über seinen Lebensweg. Wie seine Frau stammt er aus einer katholischen Familie. Als Junge war Bernhard Ministrant, später sang er in der Schola und heute noch im Dombergchor mit und hat sich 39 Jahre lang als Diakonatshelfer der Gemeinde zur Verfügung gestellt, um zu helfen, wo Not am Mann war. Dazu gehörte auch, Wortgottesdienste zu leiten und das Evangelium auszulegen, denn die Thüringer Katholiken leben nach wie vor als Minderheit, und nicht an jedem Ort kann sonntags mit einem Priester die Messe gefeiert werden.

Der Glaube, die Auseinandersetzung mit ihm und seine Vertiefung spielten für Familie Drapatz immer eine große Rolle. Das Ehepaar absolvierte sogar Ende der 70er Jahre einen Fernkurs Theologie. In einem der Severi-Familienkreise, die sich aus mehreren Ehepaaren und ihren Kindern zusammensetzen, führte man oft Glaubensgespräche. Besonders zu Zeiten der DDR mit ihrem staatlich verordneten Atheismus halfen solche Zusammenkünfte, die christliche Identität zu wahren und zu leben.

Das galt auch für die Treffen in der katholischen Studentengemeinde, als Bernhard Drapatz von 1968 bis 1972 in Dresden Feingerätebau und Elektronik studierte. Zuvor hatte er im VEB Optima Büromaschinenwerk eine Berufsausbildung als Mechaniker mit dem Abschluss Abitur absolviert. Weil er als Christ nicht an der Jugendweihe mit ihrem Bekenntnis zum sozialistischen Staat teilgenommen hatte, blieb ihm der direkte Weg zum Studium über die Erweiterte Oberschule (EOS) verwehrt.

Die Vorträge, Diskussionen, ökumenischen Treffen und Arbeitskreise in der Studentengemeinde bezeichnet Drapatz als sein "zweites Studium". Hier setzte man sich auch mit Atheismus und Sozialismus auseinander und war so gut gerüstet für Begegnungen mit Andersdenkenden. Auch im Berufsleben. Als Diplom-Ingenieur kehrte er nach Erfurt zurück, um im Kombinat Zentronik im Bereich Mikro-Elektronik zu arbeiten. "Wir haben uns nicht nur mit Hardware und Software beschäftigt, sondern auch über Gott und die Welt gesprochen. Das waren durchaus heiße Debatten", erinnert sich Drapatz an die Pausengespräche. Kurios sei gewesen, dass unter den jungen Uni-Absolventen in seiner Abteilung viele Christen verschiedener Bekenntnisse waren. Die jungen Leute verstanden sich gut, für den Betrieb offensichtlich zu gut, denn als der von der Sache Wind bekam, wurde die Gruppe der Berufsanfänger auf Abteilungen mit zuverlässigen Genossen aufgeteilt.

St. Severi von Süden gesehen: Turmgruppe und LanghausDer Domberg mit St. Severi und Mariendom:
Hier ist Bernhard Drapatz zu Hause, hier wird
er zum Diakon und Priester geweiht

Beruf, Familie, Gemeindeleben – so hätte es noch lange weitergehen können. Doch dann kam das Jahr 1989 mit der friedlichen Revolution. Niemand wusste genau, wie die Zukunft aussehen würde. Und obwohl Bernhard Drapatz die "Wende" als Befreiung begrüßte, sorgte er sich auch manchmal. Nach dem Studium hatte er geheiratet und war jetzt Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern im Alter von sechs bis 17 Jahren. Der Familienvater wollte die Zukunft mitgestalten und erarbeitete mit anderen Männern und Frauen in der Katholischen Sozialen Aktion beispielsweise Wahlprüfsteine für die erste demokratische Wahl in Ostdeutschland. 1991 wechselte er in den Landesdienst, wo er fortan für Petitionen und Eingaben zuständig war.

Im Jahr 2000 wurde bei Christina Drapatz eine lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert. Eine lange Leidenszeit begann, für die ganze Familie. "Meine Frau hat nicht geklagt, sondern die Krankheit mit Gottvertrauen bis zuletzt ertragen. Das hat auch uns getröstet und unser Vertrauen gestärkt." Letzten Endes hätten alle ihre Fragen auf Gott hingeführt, "im Guten", sagt Bernhard.

Ein Jahr nach der Beerdigung ging Drapatz zum Bischof und bot sich als Diakon an. Seine Kinder, mit denen er zuerst über diesen Plan gesprochen hatte, reagierten positiv: "Das ist haargenau das Richtige für dich", ermutigten sie ihn. Vater und Großvater – mittlerweile ist das vierte Enkelkind unterwegs – würde er ja weiter bleiben. Auch der Bischof freute sich über den Entschluss und gab die Anregung, sich zum Priester weihen zu lassen. Bernhard Drapatz überlegte und sagte zu. Die Beziehung zu seiner verstorbenen Frau trübt das nicht. Im Gegenteil sogar: "Ich fühle mich bei dieser Entscheidung in Übereinstimmung mit Christina", sagt er, der in wenigen Tagen geweiht werden soll.

Hinter ihm liegt jetzt eine intensive Zeit: Gespräche, Gebete – und Studien. Das Bistum Erfurt hat Drapatz in Übereinstimmung mit den Ordnungen der Kirche eine Intensiv-Ausbildung zukommen lassen, die auf dem theologischen Fernkurs und den Erfahrungen als Diakonatshelfer aufbauen konnte. Vorlesungen und Seminare nach Feierabend an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Erfurt, Ausbildungsgänge an der Ordenshochschule der Salesianer in Benediktbeuern, Kurse bei Weihbischof Hauke und dem Erfurter Regens. In dieser Woche endet ein Praktikum in verschiedenen Seelsorgebereichen im Bistum, dann folgen vor der Weihe fünftägige Exerzitien.

Als Diakon wie später als Priester wird Bernhard Drapatz in Erfurt wohnen bleiben. Der Bischof hat ihn für besondere Dienste in der Seelsorge vorgesehen, und Drapatz freut sich darauf. "Ich muss mich nicht um Verwaltungsgeschichten kümmern, sondern kann mich ganz den Menschen widmen, zu denen ich gehe oder die mich aufsuchen", sagt er. Es sei keine leichte Entscheidung gewesen, es gehöre auch Mut und Beistand "von oben" dazu, meint Drapatz. Aber er wolle und könne auf Gott vertrauen. "Wie Christina", fügt er hinzu.

Peter Weidemann

Diakonenweihe in St. Severi: Samstag, 17. Dezember 2011, 10 Uhr


Stichwort: "Diakon, Diakonenweihe"

In der Katholischen Kirche ist die Weihe mit ihren Stufen Diakonen-, Priester- und Bischofsweihe eines der sieben Sakramente. Der Begriff "Diakon" stammt vom griechischen Verb "diakonein" ab und bedeutet "Diener", "Helfer". Während der ersten Jahrhunderte waren die Diakone unmittelbare Helfer des Bischofs und kümmerten sich vor allem um Arme und Kranke. Ab dem 9. Jahrhundert ging die Eigenständigkeit des Amtes verloren. Zum Diakon wurde nur noch geweiht, wer später Priester werden wollte. So wurde das Diakonat zur "Durchgangsstufe" auf dem Weg zum Priesteramt. Erst das Zweite Vatikanische Konzil 1962-65, die Versammlung aller katholischen Bischöfe, betonte wieder stärker die ursprüngliche Bedeutung. Seitdem werden auch verheiratete Männer zu Diakonen geweiht, die ihren Dienst in der Gemeinde verrichten. Unverheiratete, auch verwitwete, Männer können ebenfalls Ständiger Diakon werden, für sie bleibt die Ehelosigkeit allerdings verpflichtend.
Zu den Aufgaben des Diakons gehören unter anderem die Assistenz im Gottesdienst, Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen, Erteilen von Religionsunterricht und Katechesen sowie die Sorge um die Mitglieder der Gemeinde, besonders Alte und Kranke.
Im Rahmen der Weihehandlung innerhalb einer Heiligen Messe liegt der Kandidat vor dem Altar auf dem Boden. Dies geschieht zum Zeichen, dass er sich ganz Gott übereignen will. Der Bischof weiht durch Handauflegung und Gebet. Vom Pfarrer der Heimatgemeinde wird dem neuen Diakon das liturgische Gewand angelegt. Der Bischof überreicht das Evangelienbuch, aus dem die Botschaft Jesu Christi verkündigt werden soll, und besiegelt mit einer abschließenden Umarmung als Friedensgruß die Aufnahme in das neue Amt. Am Ende des Gottesdienstes werden der neue Diakon und seine Familie eigens vom Bischof gesegnet.

Trotz Ruhestandes möchte der Witwer Bernhard Drapatz noch arbeiten: als Diakon und dann als Priester



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