"Das ist mir heilig!"

Predigt von Altbischof Joachim Wanke bei der Antoniuswallfahrt in Worbis 2014

Schriftzug: HeiligIn der jüngsten Zeit hat die Tendenz zugenommen, viele Dinge unseres Lebens von ihrer ökonomischen Seite aus zu beurteilen. Unwillkürlich ertappe ich mich selbst dabei. Man sieht ein schönes Haus und fragt sich gleich, wie viel das wohl gekostet haben mag oder was der Besitzer wohl für den Erhalt an Kosten aufzubringen hat. Ich schaue auf eine Kirche und überlege sofort, was eine Dachreparatur kosten wird – statt mich zunächst einmal an der Kirche als Kunstwerk und als Haus Gottes zu erfreuen. Von allen Seiten drängt dieses ökonomische Denken an uns heran. Es überfällt uns gleichsam mit seiner verengenden Sichtweise. Da wird schnell aus Kindern nur eine finanzielle Belastung und aus einem Langzeit-Patienten nur ein Kostenfall!

Gott hat eine andere Perspektive, wenn er auf uns schaut. Daran erinnern mich die Heiligenfeste im Kirchenjahr. Heute: Der hl. Antonius – von vielen Generationen hindurch an dieser Stätte verehrt, angeregt von den hier wirkenden Worbiser Franziskanern, aber eben auch anderswo beliebt im Gottesvolk als Fürsprecher und Helfer in mancherlei Nöten.

An Heiligenfesten ist es üblich, über den jeweiligen Heiligen zu predigten, seine Größe zu preisen, ihn als Vorbild christlichen Lebens vor Augen zu stellen und zum Fürbittgebet an ihn zu ermuntern. Das ist durchaus gut und berechtigt. Ich möchte freilich heute einmal die Perspektive umkehren: Ich möchte den hl. Antonius zu uns sprechen lassen. Was würde er uns sagen wollen, wenn er auf uns hier schaut, als Gemeinde des Herrn versammelt vor dem Gotteshaus, dessen Patron er ist? Ich meine, er würde uns zurufen: Dass ich heilig bin, ist nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr: Ihr seid Gott heilig!

In unserer Alltagssprache hat sich die Redeweise erhalten "Mir ist etwas heilig!" Wir sagen im Gespräch zu einem anderen: "Bitte, spotte nicht über das, was heilig ist!" oder "Bitte, mache mir das nicht schlecht! Das ist mir heilig!". Selbst in der abgegriffenen Wendung, etwas "hoch und heilig versprechen", schwingt noch die Erinnerung daran mit, eine Zusage, ein Versprechen, eine Hilfeleistung gleichsam mit einer göttlichen Bürgschaft zu versehen, eben in einer anderen, oberhalb des Alltäglichen angesiedelten Dimension festzumachen: das Heilige, das von Gott ausgehende Unbedingte, das von keinen irdischen Zufällen und Schwankungen Abhängige. Das ist ja auch der alte religiöse Sinn der Eidesleistung, der einen irdischen Tatbestand oder eine Verpflichtung zu einer Aufgabe mit einer letzten, unbedingten Gültigkeit versieht: "Ja, so ist es, dazu stehe ich – so wahr mir Gott helfe!"

Wir sind gewohnt, die Heiligkeit, zu der wir alle gerufen sind, an unseren moralischen Anstrengungen festzumachen, an unserem sittlichen Lebensernst, an unserer Selbstüberwindung, am korrekten Einhalten der Gebote Gottes usw. Daran ist sicher auch etwas richtig gesehen. Aber es besteht dabei die Gefahr, bestimmte Menschen als Heilige anzusehen, besonders jene, die in unseren Heiligenkalendern stehen – und die Menge der Getauften, zu denen auch wir gehören, als weniger heilig oder gar als überhaupt nicht heilig einzuschätzen. Also: eine Art Zweiklassenchristentum! So mag es heilsam sein, diese Sicht von Heiligkeit ("Heiligkeit als Belohnung für Tugendanstrengungen") einmal umzukehren. Und da bin ich beim Thema meiner Predigt: Heiligkeit entsteht nicht dadurch, dass wir gut sind, sondern dass Gott uns gut anschaut – oder anders gesagt: dass wir IHM heilig sind!

Das mag eine etwas ungewöhnliche Perspektive sein – aber sie ist befreiend, und sie entspricht vor allem der Botschaft des Evangeliums. Einen Hinweis auf dieses zunächst einmal moralfreie Heiligkeitsverständnis gibt uns der Apostel Paulus in seinen Briefen. Paulus redet ja bekanntlich die Christen in seinen Gemeinden unbefangen als "Heilige" an, etwa am Anfang des Briefes an die Korinther – obwohl er weiß, welche Sünden bei manchen Gemeindemitgliedern vorkommen, ja wie alle untereinander zerstritten sind, worauf er ja gleich im Brief zu sprechen kommt. Heilig sind die Korinther, nicht weil sie schon in allem heilig leben, sondern weil Gott sie erwählt , sie berufen, sie im Bad der Taufe gereinigt und durch Jesu Todeshingabe mit sich versöhnt hat. Vielleicht hätte ich auch einmal einen Hirtenbrief zur Fastenzeit mit der Anrede beginnen sollen, wie es Paulus seinerzeit gemacht hat: "An die Kirche in Thüringen und im Eichsfeld, an die Geheiligten in Jesus Christus, berufen als Heilige mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns."

Wir sind Gott heilig – das ist die Botschaft, die wir beim heutigen Gedenken an den hl. Antonius von Padua hören dürfen. Was schwingt da mit, wenn wir im Alltag von einer Sache, einer Person sagen: "Das ist mir heilig! Diese Person, meine Mutter etwa, oder wegen mir auch der Papst, ist mir heilig"?

Ich versuche das ein wenig zu umschreiben: Da schwingt mit:
"Dies ist mir wichtig, das ist für mich bedeutsam! Darüber kann ich nicht spotten oder mich lustig machen!" Manchmal merkt man das in einem Gespräch: wenn man einen Punkt berührt, der einem selbst gar nicht so wichtig erscheint, bei dem der andere aber sofort wach und engagiert reagiert. Da merke ich: Hier hab ich bei ihm, bei ihr einen Lebensnerv getroffen. Das ist ihm, das ist ihr heilig!

Was mir heilig ist, das ist mir schützenswert. Das verteidige ich, darüber lasse ich nicht spotten oder andere sich lustig machen. Es gehört zu den guten kulturellen Umgangsformen, dem, was anderen – etwa in anderen Religionen oder fremden Kulturen - heilig ist, mit Respekt und Hochachtung zu begegnen.

Oder: Was Menschen heilig ist, ist für sie attraktiv, von lebendigem Interesse. Dafür – etwa für ein Hobby – können sie Stunden und Tage opfern, da werden keine Kosten gescheut, da kommen sie beim Betrachten, Sammeln oder Reparieren an ihren "Heiligtümern" an kein Ende – so selig sind sie bei der Sache! (Der Fußball, in den kommenden Wochen wieder aktuell, ist ja für manche eine "heilige" Sache. Wehe dem, der sich darüber lustig macht!)

Damit berühren wir den springenden Punkt, der uns wieder zum Eingangsgedanken zurücklenkt: Was mir heilig ist, das ist im Letzten "nutzlos schön". Das kann man nicht in Geldwert, in ökonomischen Kategorien ausdrücken.

Ein Beispiel: Vor einigen Jahren wurde in Dresden die kriegszerstörte Frauenkirche wieder eingeweiht – die Kosten des Wiederaufbaus waren beträchtlich, aber irgendwie war das eine Nebensache. Die Millionen EURO wiegen nicht die Freude auf, die Ergriffenheit, die Begeisterung der Menschen, dieses wunderschöne Bauwerk jetzt wieder anschauen und betreten und auch in ihm beten zu dürfen. (Wir haben ja in Erfurt Ähnliches erlebt bei der glücklichen Rettung der Gloriosa-Glocke).

Seht – diese menschlichen Erfahrungen einmal übertragen auf Gottes Blick auf uns! Was schwingt da alles mit, wenn Gott zu uns, zu mir und dir sagt: Du bist mir heilig! Dann will er sagen: "Du bist mir wichtig! Um deinetwillen habe ich die Welt geschaffen und das Leiden Jesu zugelassen, weil du mir bedeutsam bist."

Wenn wir Gott heilig sind, dann heißt das:
Wir sind für ihn kostbar und schützenswert. Es stimmt nicht, dass wir aus seiner Vorsehung herausfallen könnten, dass seine Hand uns loslässt. Wir dürfen mit dem Psalmisten sagen: "Herr, meine Seele hängt an Dir, deine rechte Hand hält mich fest." Damals – in den DDR-Jahrzehnten hat sie uns gehalten und nun auch in dieser neuen, oft so ganz anderen Zeit, mit ihren neuen Herausforderungen.

Ja, wir dürfen auch dies im Glauben sagen: Wenn wir Gott heilig sind, dann sind wir auch für ihn attraktiv, liebenswert, interessant. Ein kleines Gebet (wenn mir etwa am Abend nichts mehr an Gebeten einfällt!) ist mir persönlich lieb geworden: Es lautet:
"Gott – du bist da! Du siehst mich! Du kennst mich! Du magst mich! Gott – ich danke Dir!"

Gott hat uns als freie Geschöpfe geschaffen, damit wir ihm in Freiheit auf seine Liebe antworten – in guten und in schweren Stunden, im Leben und im Sterben. Ist nicht auch die Liebe zwischen Menschen dort am attraktivsten, wo sie sich im Leid und in mancherlei Dunkelheiten des Lebens bewährt? Für mich ist es ein wichtiger Gedanke in meinem geistlichen Lebensalltag, dass (bildlich gesprochen) Gott "neugierig" ist auf mich – ob und wie ich ihm antworte!

Fragen wir einmal: Wenn wir gewöhnliche Kirchenmitglieder, wir Getaufte, Gefirmte, Geweihte mit unserem Schmutz und Staub in unseren Gewändern Gott heilig sind, wenn wir als Kirche insgesamt mit der Last unserer Sünden aus Geschichte und Gegenwart für Gott heilig sind – worin mag dann für Gott unsere "nutzlose Schönheit" bestehen?

Darin, dass jeder von uns fähig ist, Gottes geliebten Sohn, unserem Herrn Jesus Christus ähnlich zu werden – und so Gott immer mehr in uns das lieben kann, was er an seinem lieben Sohn, unserem Herrn zeitlos und für immer liebt.

Wenn einer so geliebt wird, liebe Schwestern und Brüder, wie kann der sich selbst hassen? Wie kann der seinem Bruder, seiner Schwester in der Gemeinde Böses an den Hals wünschen? Ja, wie kann der, der um Gottes Liebe für alle seine Geschöpfe weiß, einen Ausländer als Menschen zweiter Klasse ansehen oder einen Flüchtling, der Leib und Leben retten möchte, in seiner Not allein lassen?

Nehmt darum aus dieser Antoniuswallfahrt die gute Gewissheit mit: Wir sind heilig, weil wir Gott heilig sind! Nicht mehr und nicht weniger als die jüngst heilig gesprochenen Päpste oder jene, die im Heiligenkalender stehen! Gott ist es, der heilig macht – durch Taufe und Glauben: "weil er uns mag!" Wer das bedenket und im Herzen erwägt, wird dann auch anders leben, wird heiliger (im herkömmlichen Sinn) werden – zumindest in Ansätzen. Und das – so meine ich – ist die beste Art, unsere Heiligen, etwa den hl. Antonius zu ehren.

Unsere Verstorbenen sind uns den Weg zur Vollendung ihrer Heiligkeit schon vorausgegangen. Wir befinden uns noch auf dem Weg, in der Bewährung, gleichsam im "Schmelztiegel" dieses irdischen Lebens. Aber auch unsere Seligkeit wird am Ende die der Heiligen im Himmel sein: mit allen Sinnen zu erfahren – wie sehr wir von IHM, von unserem Schöpfer und Erlöser geliebt waren und sind.

Und wenn Sie, liebe Wallfahrer, das nächste Mal sagen, "das ist mir heilig" oder etwas "hoch und heilig" versprechen – dann denken Sie an meine heutige Predigt – oder besser: an den, dem wir alle miteinander heilig sind. Dazu helfe uns der heilige Antonius! Amen.


15.6.2014



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