Wozu Kirche gut ist

Hirtenbrief von Bischof Joachim Wanke zur österlichen Bußzeit 2005

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Im vergangenen Jahr hatten viele Menschen weit über unser Bistum hinaus Anteil an der geglückten Reparatur der Gloriosa-Glocke unseres Erfurter Domes genommen. Nicht nur Kirchenbesucher freuten sich, dass die Glocke nun wieder geläutet werden kann. Auch viele Nichtchristen teilten unsere Freude.

Ich habe den Eindruck, dass mehr und mehr Menschen durchaus spüren: Unsere Kirchen sind mehr als nur Kulturdenkmale. Manchmal sagen mir das auch kirchenferne Leute ganz ausdrücklich: "Es ist schon gut, dass es Kirche gibt – auch wenn ich persönlich ihr nicht angehöre."

Können wir Christen eigentlich sagen, wozu Kirche gut ist? Meist wird darauf verwiesen, dass sich die Kirche für die sozialen Belange einsetzen soll, oder auch für den Erhalt der Werte in der Gesellschaft. Das ist durchaus richtig. Ich möchte eine weitere, noch gewichtigere Antwort vorschlagen. Wozu ist Kirche gut? Die Kirche ist dazu da, den Menschen den Weg zum Himmel zu zeigen.

Wir können auch sagen: Kirche muss sich der Seelsorge widmen. Dazu ist Kirche da. Sie soll sich um das Heil der Menschen kümmern. Wir brauchen die Kirche als unsere geistliche Mutter, damit Seele und Geist, Verstand und Gemüt ausgerichtet bleiben auf den ewigen Gott und das Leben mit ihm in Zeit und Ewigkeit. Sie soll Wegweiser auf Gott hin sein. Wir dürfen uns als Kirche nicht in Nebenaufgaben verlieren. Darüber müssen wir uns gemeinsam Gedanken machen. Was mich als Bischof bedrängt, ist die Vorstellung: Ein Thüringer würde nach seinem Tode vor Gott stehen und zu ihm sagen: "Ich habe noch nie etwas von dir gehört!"

Sicherlich hat Gott tausend Möglichkeiten, das Herz der Menschen auch heute zu berühren. Aber zunächst einmal ist es Aufgabe der Kirche, also unser aller Aufgabe, von Gottes Liebe, seinen Verheißungen, seinem heiligen Willen Zeugnis zu geben, und zwar so, dass alle Menschen davon erfahren. Uns allen, die wir zur Kirche gehören, sind die "Seelen" der Menschen in diesem Land anvertraut. Wir alle sind Seelsorger. Was heißt das konkret?

Seelsorge geschieht für mich dort, wo diese drei Dinge passieren:

  1. wo Jesus Christus in den Blick gerückt wird und geholfen wird, ihn im Blick zu behalten,

  2. wo Getaufte und Gefirmte sich miteinander vernetzen und Weggemeinschaften bilden und

  3. wo anderen Menschen Türen zu Gott hin geöffnet werden.

Um dieser drei Aufgaben willen gibt es Kirche. - Ich möchte das einmal kurz entfalten.


1. Jesus Christus in den Blick rücken

Das ist sicherlich der Hauptinhalt des Dienstes der Priester und aller hauptamtlich in der Seelsorge Tätigen. Aber es ist auch unsere gemeinsame Aufgabe, als christliche Eheleute, als Väter und Mütter, in unseren Pfarreien und Gemeinschaften, Gruppen und Verbänden, als Christen mitten in der Welt.

Sehr herzlich bitte ich alle Gläubigen um zwei Dinge. Zum einen bitte ich Sie, an die hauptamtlichen Seelsorger mit der Erwartung heranzutreten: Zeigt uns Jesus Christus! Seid nicht nur Organisatoren eines vielgestaltigen Gemeindelebens, sondern seid noch mehr "Geistliche", die uns helfen, Jesus Christus im Blick zu behalten. Für das Management so mancher Dinge im Gemeindealltag, die auch notwendig sind, braucht man keine Weihe und keine feierliche Sendung. Hierin sollten wir unsere Priester und weniger werdenden Hauptamtlichen entlasten.

Und meine zweite Bitte geht in diese Richtung: Wir selbst sollen und dürfen füreinander Seelsorger werden, dann nämlich, wenn der Herr in unseren Worten und noch mehr in unserem Leben erkennbar wird. Die Art, wie wir leben, wie wir miteinander umgehen, uns in das öffentliche Gespräch einmischen, wichtige Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen – das alles kann und wird zur Seelsorge im weitesten Sinne, durch die die Lebensart Jesu in den Blick tritt, seine "Gesinnung", seine Ausrichtung auf den Vater im Himmel, seine Erwartung der kommenden Welt.

So werden durch mein Lebens- und Glaubenszeugnis auch andere im Glauben, im Hoffen und in ihrer Gottes- und Nächstenliebe gestärkt. Wir selbst leben ja auch vom Lebensbeispiel, das andere uns geben. Die Werke der leiblichen und geistigen Barmherzigkeit sind nicht an die Priesterweihe gebunden.

Ich nenne ein praktisches Beispiel: Es kann sein, dass demnächst an Ihrem Ort keine Gemeindereferentin mehr zur Verfügung steht. Heißt das, dass dann keiner mehr die Kinder beten lehrt? Sind nicht die Eltern auch weiterhin die ersten und wichtigsten Lehrer in der Kunst des Betens? Und wenn es die Eltern nicht können oder nicht wollen: Findet sich dann keiner in der Gemeinde, der sich der Kinder annimmt?

Genau das, was jetzt schon erfreulicherweise in vielen Gemeinden geschieht: die Stärkung der Eigeninitiative, des ehrenamtlichen Tuns in der Seelsorge - das muss wachsen und noch selbstverständlicher werden. Wir müssen uns gegenseitig helfen, Jesus Christus im Blick zu behalten.

Was gehört weiterhin zur Seelsorge? Ich nenne als zweite Aufgabe:


2. Weggemeinschaften im Glauben bilden

Niemand ist Christ für sich allein. Zu unserem Leben in der Nachfolge Christi gehört Gemeinschaft, gehört Vernetzung. Jesus hat seine Jünger zwar einzeln berufen, aber gemeinsam ausgesandt.

Ich bin davon überzeugt, dass in naher Zukunft dieser Aspekt unseres Christseins noch wichtiger werden wird. Ein Christ ohne Gemeinde ist wie ein Fisch ohne Wasser.

Im Normalfall ist diese Weggemeinschaft im Glauben die Pfarrgemeinde am Ort oder in der unmittelbaren Umgebung. Dort feiern wir die heilige Messe mit, empfangen wir die Sakramente, erleben wir das Kirchenjahr und übernehmen wir auch bestimmte Dienste. Solche Gemeinschaft im Glauben kann man auch zusätzlich an anderen Orten finden, im Umfeld von Klöstern z. B., von kirchlichen Häusern oder in Geistlichen Gemeinschaften. Es gibt – wie ich das gern nenne – eine Vielzahl geistlicher "Oasen", in denen man Anregung und Stärkung für den Alltag geschenkt bekommt.

Wir brauchen als Christen heute Orte und Gelegenheiten, wo wir miteinander im Gespräch sind, wo wir das Leben im Licht des Evangeliums deuten, wo wir uns gemeinsam vergewissern, dass wir auf dem rechten Weg sind, und wo wir uns auf diesem Weg bestärken.

Wieder ganz praktisch: Der Pfarrer hat demnächst keine Zeit, sich in jeder der ihm anvertrauten Gemeinden ganz persönlich um die Familienkreise zu kümmern. Halten dann diese Gruppen trotzdem zusammen, und vor allem: Behalten sie dann auch eine geistliche Qualität? - Oder: Eine katholische Familie in der Diaspora ist aus der Stadt aufs Land gezogen. Wird sie dann mit der Pfarrgemeinde in der nahen Stadt in Kontakt bleiben? Bleibt sie auch auf dem Land geistlich "mobil"?

Unsere Pfarrgemeinden, aber auch Wallfahrtsorte, kirchliche Häuser, Geistliche Gemeinschaften sind so etwas wie "Tankstellen" des Glaubens. Diese gilt es immer wieder bewusst anzusteuern und regelmäßig aufzusuchen. Diese Mobilität wird das Bild der katholischen Christen von morgen prägen.

In vielen Berufen sind Weiterbildung und Teamschulungen weithin selbstverständlich. Wer sich nicht regt, bleibt zurück. Er hängt mit der Zeit ab. Fragt einmal in dieser österlichen Bußzeit: Was tue ich für meine Seele? Kann ich für Menschen an meiner Seite zu einem Helfer im Glauben werden? Suche ich in meinem Lebensumfeld bewusst Weggemeinschaft im Glauben? Gewähren wir uns gegenseitig seelsorgliche Hilfen, auch wenn ein Pfarrer nicht in Reichweite ist? Sind unsere Familien Orte und Räume, in denen wir miteinander im Gespräch sind, wo gemeinsam gebetet wird und der Glaube zur Sprache kommt?

Wir brauchen in unserem Bistum verstärkt gleichsam "geistliche Selbsthilfegruppen", die in der Wüste unseres Alltags unserem spirituellen Grundwasserspiegel aufhelfen. Gibt es bei Euch Gruppen mit dieser Qualität?

Die jungen Christen verweise ich auf die Chancen, die mit dem kommenden Kölner Weltjugendtag gegeben sind: Sich mit anderen gemeinsam auf den Weg machen, um ihn, Jesus Christus zu finden und anzubeten! - Ich sehe eine dritte Aufgabe von Seelsorge:


3. Anderen Menschen Türen zu Gott hin öffnen.

Immer wieder höre ich: Für die Erwachsenen, die sich heute taufen lassen oder die als früher Getaufte wieder bewusst neu mit Gott beginnen, ist der Auslöser dafür meist die Begegnung mit einem wachen Christen. Und das muss nicht immer ein Pfarrer sein!

Manches kann passieren im vertrauten Gespräch mit jemandem, von dem ich weiß: Er oder Sie sucht einen Wiedereinstieg in die Gottesdienstpraxis. Dieser müde gewordene Mitchrist schämt sich vielleicht, von sich aus den ersten Schritt zu tun. Ein gutes Wort, eine freundliche Einladung, ein Willkommensgruß von jemandem aus dem Pfarrgemeinderat – das wirkt oft Wunder.

Aus kleinen Zeichen und Anstößen kann Großes wachsen, kann ein Neuanfang werden. Das Gespür für das, was in einer Situation möglich und angebracht ist, ist uns allen durch Gottes Geist gegeben. Wir müssen nur aktivieren, was er uns an Gaben der Herzlichkeit und Freundlichkeit geschenkt hat. Habt keine Furcht, von eurem Glauben und Vertrauen auf Gott vor anderen zu reden! Die Selbsteinschüchterung ist kein guter Ratgeber für heutige Christen. Gerade, weil Ihr anders seid und anders handelt als so viele, werdet Ihr so manchem Mitmenschen Türen auf Gott hin öffnen können. Denkt an die Ausstrahlungskraft der Gloriosa! Ihr seid viel anziehender als eine Bronzeglocke. Ihr seid Menschen aus Fleisch und Blut, begabt mit Heiligem Geist – und Biographien sind bekanntlich für die Zeitgenossen immer interessant.


Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Damit keine Missverständnisse entstehen: Der priesterliche Dienst bleibt auch in Zukunft wichtig und unaufgebbar. Wir brauchen Priester, damit sie im Auftrag und in der Autorität Christi mit uns die Eucharistie feiern und uns von unseren Sünden lossprechen. Das Gebet um Priester- und Ordensberufe bleibt notwendig. Darum bitte ich Euch sehr herzlich. Aber der Dienst unserer Priester und aller anderen Frauen und Männer in der Seelsorge wird in dem Maße fruchtbar, wie wir entdecken, dass wir alle "Geistliche" sind – und füreinander werden sollen. Die Worte aus dem 1. Petrusbrief gelten uns allen, Priestern wie Laien. "Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat" (2,9).

Ich wünsche mir, dass dieser Hirtenbrief zum Stichwort "Seelsorge" in den kommenden Wochen Gegenstand von Gesprächen in den Gremien und Gruppen unserer Pfarreien werden könnte. Überlegt, was das für euch konkret heißt:

  • einander helfen, Jesus Christus in den Blick rücken,

  • als Weggemeinschaft im Glauben unterwegs sein,

  • anderen Türen zu Gott hin öffnen.

Dazu ist Kirche da, auch in Thüringen, auch im Eichsfeld!

Es segne und behüte euch der gute und mächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist!


Euer Bischof Joachim Wanke


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