Bischof Joachim Wanke: "Die große Scheidung. Wonach Gott (sich) richten wird"

Predigt über Mt 25,31-46 im evangelischen Dom in Berlin am 12. November 2000 im Rahmen der Predigtreihe "Gleichnisse Jesu vom Weltende"

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I.

Eine von Martin Buber überlieferte chassidische Geschichte erzählt:

Einer der Aufklärer, ein sehr gelehrter Mann, der vom Barditschewer gehört hatte, suchte ihn auf, um auch mit ihm, wie er`s gewohnt war, zu disputieren und seine rückständigen Beweisgründe für die Wahrheit seines Glaubens zuschanden zu machen. Als er die Stube des Zaddik betrat, sah er ihn mit einem Buch in der Hand in begeistertem Nachdenken auf und nieder gehen. Auf den Ankömmling achtete er nicht. Schließlich blieb er stehen, sah ihn flüchtig an und sagte: "Vielleicht ist es aber wahr" Der Gelehrte nahm vergebens all sein Selbstgefühl zusammen - ihm schlotterten die Knie, so furchtbar war der Zaddik anzusehn, so furchtbar sein schlichter Spruch zu hören.

Rabbi Jizchak aber wandte sich ihm nun völlig zu und sprach ihn gelassen an: "Mein Sohn, die Großen der Thora, mit denen du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, du hast, als du gingst, darüber gelacht. Sie haben dir Gott und sein Reich nicht auf den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber, mein Sohn, bedenke: Vielleicht ist es wahr." (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1984, 363f).

Diese Erzählung erinnert mich an Blaise Pascals bekannten Gedanken, das Wagnis des christlichen Gottesglaubens mit einer Wette zu vergleichen. Angenommen, die Argumente für oder gegen die Realität Gottes und seiner Verheißungen stünden 50 zu 50. Wer auf Gott setzt und verliert - hat nichts verloren, so Pascal, denn es gibt ja Gott ohnehin nicht und das ganze Leben ist und bleibt der Vergänglichkeit und dem Tode verfallen, mit und ohne Wette. Wenn der Wettende aber auf Gott und seine Verheißungen setzt und es sich dann herausstellt, dass es Gott tatsächlich gibt und seine Verheißungen eintreffen, so hat er alles gewonnen.

Ich weiß nicht, ob Pascal die chassidische Geschichte gekannt hat. Aber mit Sicherheit hat er in seinem Innersten diesen furchtbaren Zweifel gekannt, der auch dem frommen Rabbi nicht fremd war, und der wohl jeden nachdenklichen Menschen einmal überfällt, der Zweifel, ob nicht doch hinter aller Wirklichkeit das blanke Nichts ist, das große Umsonst. Der chassidische Weise und der französische Philosoph hatten sich zum "Vielleicht" durchgerungen, zur Wette mit dem höchsten Einsatz: "Vielleicht ist es aber wahr!" Friedrich Nietzsche hat es nicht vermocht, wiewohl er hellsichtig wie kaum ein anderer erahnte, was das eigentlich bedeutet: dem Nichts zu trotzen. Er meinte, der Mensch müsse auf der angeblich sicheren Seite bleiben - dem schrecklich-schönen irdischen Leben. Vor allem: Er dürfe nicht angesichts der Erkenntnis, dass der Himmel leer ist, kapitulieren. Er müsse sich selbst seinen Lebenssinn entwerfen und entschieden zu ihm stehen - eben darin bestehe seine wahre Größe.

Man muss wohl solche Überlegungen der Auslegung der biblischen Gleichniserzählung vom Weltgericht in Mt 25 vorausschicken, um die Dimension anzudeuten, in die wir jetzt eintreten wollen. Hier geht es nicht um dieses oder jenes Detail des christlichen Glaubens, über das man gelehrt streiten könnte, das auch unter Umständen wegerklärt werden könnte. Hier geht es um das Ganze, mit dem unser Christsein steht und fällt.

Mir fällt in diesem Zusammenhang die kleine Anekdote ein, die von dem bekannten Theologen und Historiker Adolph von Harnack erzählt wurde (vermutlich hat er hier in diesem Dom auch Gottesdienste mitgefeiert!): Als er einmal seine frommen Tanten in Dorpat besuchte, sah er sie den Propheten Ezechiel lesen. Da erkundigte sich der große Gelehrte freundlich bei ihnen: "Versteht ihr denn auch alles, was da steht?" Da hätten ihm die alten Damen zuversichtlich geantwortet: "Ja, wir verstehen es schon, und - was wir nicht verstehen, das erklären wir uns!"

II.

An dem Gerichtsgleichnis im 25. Kapitel des Matthäus gibt es nichts zu erklären. Diese Geschichte spricht zu uns mit einer Verständlichkeit, der auch 2000 Jahre nichts anhaben können. Alle Welt, jeder Mensch, natürlich auch der fromme Christ wird sich einmal einer letzten "Evaluierung" aussetzen müssen. Bei diesem Gericht werden keine Bücher aufgeschlagen, da ist keine mühsame Prozessordnung zu beachten, da wird der Richter nicht lange suchen und beweisen müssen, was Fakt ist. Es wird vielmehr so sein, wie wenn in einem dunkeln Zimmer das Licht angeht. In einem dunklen Zimmer hat man keine Orientierung. Man weiß nicht, wo man sich befindet. Man tastet herum und stellt sich dies und das vor, manches mehr oder weniger zutreffend, manches völlig falsch. Wenn dann auf einmal das Licht angeht, weiß man im gleichen Augenblick, woran man ist. Matthäus will sagen: Du wirst im gleichen Augenblick, wenn Gott das Licht anmacht, wissen, wohin du gehörst - zu denen auf der Rechten oder zu denen auf der Linken!

Beachten wir die Bildseite unserer Erzählung: Ein Urteil über die versammelten Völkerscharen wird in der Geschichte eigentlich gar nicht gesprochen. Es muss auch nicht lange überlegt und nachgeforscht werden. Der himmlische Richter hat sein Urteil schon fertig, wenn die Menschen vor ihm erscheinen. Denn diese werden gleich zu Beginn der Erzählung ohne große Worte und Umstände in Schafe und Böcke geschieden.

Der zeitgenössische Leser oder Hörer dieses Evangelientextes weiß sofort, worum es geht. Hier wird geschildert, was im Danielbuch erzählt wird, wenn am Ende der Menschensohnrichter kommt, umgeben von allen Engeln und sich auf den himmlischen Thron seiner Herrlichkeit setzen wird. Hier geht es um das jedem frommen Juden geläufige Endgericht. Und das weiß auch der christliche Leser, zumal derjenige , der das ganze Matthäus-Evangelium mit im Ohr hat - wobei er den Menschensohn-Richter mit Jesus identifizieren wird, wie das Evangelium insgesamt nahelegt.

Und noch etwas anderes wollen wir beachten: Matthäus hat, ganz anders als manche Apokalyptiker seiner Zeit, kein Interesse an der Ausmalung des Gerichtsvorganges oder gar an peinlichen Höllenschilderungen. Hier wird auf den Leser oder Hörer kein Druck ausgeübt. Hier wird nicht Angst gemacht oder umgekehrt auf himmlische Freuden vertröstet. In dieser Beziehung wird unser Text von marxistischer Religionskritik nicht getroffen.

Nein: Matthäus ist an etwas anderem interessiert. Worauf Matthäus abheben will, ist etwas anderes. Es ist die Begründung dieser Scheidung. Und die ist nun wirklich sonderbar. Der himmlische Menschensohn-König verlangt Werke der Barmherzigkeit. Nun gut. Auch das Judentum kannte sogenannte "Liebeswerke". Die hier genannten finden sich auch in jüdischen Texten. Das war den Frommen vertraut. Befremdlich ist, dass der Richter sagt: Ihr habt mir zu essen gegeben usw.

Diese Formulierung ist bewusst rätselhaft. Die Gegenfrage "Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben?" ist darum verständlich: Die umständliche Wiederholung aller Werke in der Frageform will die Spannung erhöhen. Wie wird sich dieses Rätsel lösen?

Es löst sich in der Antwort des Menschensohn-Richters, auf die die ganze Erzählung ausgerichtet ist: "Amen ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan hab, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40).

Wer sind diese "geringsten Brüder" des Richter-Königs? Die uns heute geläufige Auslegung sagt sofort: Das sind die Armen aller Zeiten und Jahrhunderte. Hier geht es um jede Menschennot. Wer den Armen dient, wer Menschenot zu lindern sucht, der dient - auch ohne es zu wissen - Gott selbst. Gerade dieses Motiv des Nicht-Wissens der Gerechten wird häufig so interpretiert, dass damit besonders die Selbstlosigkeit und Lauterkeit des Handelns unterstrichen würde: das Gute um seiner selbst willen tun, ohne auf Belohnung zu schielen, auch auf himmlische Belohnung. Es ist, als ob Matthäus Immanuel Kant gelesen hätte: Tu das Gute, auch dann, wenn es keiner sieht!

Die praktische Frömmigkeit aller Jahrhunderte hat weithin diese Stelle so verstanden. Ich will auch gleich vorweg sagen: mit einem gewissen Recht, wie noch zu zeigen ist. Die Legende vom Hl. Martin etwa ist ohne Zweifel von Mt 25 her inspiriert. Der nichtchristliche Soldat Martin teilt seinen Mantel mit dem Bettler und bekleidet so - ohne es zu wissen - Christus selbst, wie ihn dann eine himmlische Vision belehrt. Und manche mögen sich an die bekannte Erzählung Leo Tolstois erinnern "Wo die Liebe ist, da ist auch Gott", in der der Bauer Awdejitsch auf den Besuch Christi wartet - und im Nachhinein merkt, dass er in drei erbarmenswürdigen Menschen, denen er die Türe mitleidig öffnete, eben diesen Christus zu Gast gehabt hat.

Wenn wir uns freilich zunächst einmal bemühen, das zu verstehen, was Matthäus sagen wollte, gilt zu bedenken: Matthäus hat noch nichts vom deutschen Idealismus gewusst, auch noch nichts vom Kant`schen Imperativ, dass das Gute um seiner selbst willen zu tun sei. Natürlich sind die Taten, die da aufgezählt sind, stilisiert. Aber sie sind angesichts der antiken Lebensverhältnisse wohl auch sehr reale Forderungen. Ich vermute einmal, dass sie im Alltagsleben damals häufiger anstanden als heute. Besonders eine Gruppe unter den Christen war auf solche praktische Lebenssolidarität angewiesen: die von Stadt zu Stadt ziehenden urchristlichen Missionare. Matthäus hat sie wohl als die "geringsten Brüder" des Menschensohn-Richters vor Augen. Dass diese Wandermissionare häufig Hunger und Durst litten, immer wieder Obdach brauchten, Kleidung und Fürsorge in Krankheit, und Versorgung im Gefängnis, in das sie schnell durch eine verärgerte Stadtobrigkeit gelangen konnten (im antiken Gefängnis mussten die Gefangenen durch Angehörige versorgt werden!) - das hat alles einen sehr realen Hintergrund für die Leser des Evangeliums.

Diese Auslegung wird durch folgende Beobachtung gestützt. In Mt 10 sind Anweisungen für die Mission überliefert, wohl aus frühester Zeit, unter anderem das Wort Jesu: "Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat" (Mt 10,40). Jesus identifiziert sich mit seinen Jüngern. Die Boten Jesu gelten soviel wie der Sendende selbst. Das ist eine im Judentum durchaus belegte Vorstellung. Der Lohn eines Propheten und der Lohn eines Gerechten wird denen nicht vorenthalten, die Propheten und Gerechte aufnehmen, beherbergen, im Gefängnis besuchen und versorgen. Ja, selbst ein Becher Wasser, der einem der Jünger gereicht wurde, wird nicht ohne himmlischen Lohn bleiben, wie es im Umfeld dieser Stelle heißt (vgl. Mt 10,41f).

Matthäus hat also in den "geringsten Brüdern" des himmlischen Richters aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ganz allgemein jeden notleidenden Menschen, sondern notleidende Jünger gesehen, vorrangig eben jene Wanderprediger. Diese empfiehlt der Evangelist der Solidarität seiner Gemeinden.

III.

Soweit - so gut! Aber was machen wir heute nun mit diesem Text, wenn unsere Prediger Gehälter aus Kirchensteuergeldern erhalten und zur Abendpredigt im Dom mit dem Auto vorfahren? Diese Boten Jesu brauchen sicher auch Barmherzigkeit, aber mehr im Sinne der geistigen Barmherzigkeit, etwa der Nachsicht für nicht immer überzeugende Predigten. Aber Spaß beiseite - ist denn diese Erzählung nicht doch grundsätzlicher von Matthäus gemeint?

Und hier gilt in der Tat: Im Lichte der ganzen Jesusbotschaft dürfen wir dieser Erzählung doch eine Weisung entnehmen, die in die Richtung einer Verpflichtung auf eine Grundsolidarität mit jeder Menschennot geht. Jesus selbst hat ja das Gebot der Liebe zum Nächsten, gerade auch zum Feind, zum Hauptgebot erklärt. Die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter etwa gehört zum Urgestein christlicher Verkündigung.

Vor allem ist zu bedenken: Matthäus wird nach unserem Gerichtsgleichnis in Kap. 25 den Weg Jesu in sein Leiden und Sterben erzählen. Und dieser Weg ist ja ein Weg der Selbsthingabe für die "vielen", wie es in den Abendmahlsworten heißt, die Matthäus getreu überliefert. Dieses Leiden ist im Verständnis des Evangelisten und seiner Tradition letzte Konsequenz der Verkündigung des irdischen Jesus. Er bleibt auch im Leiden und Sterben seiner Botschaft treu. Er geht den Weg der Liebe für alle Menschen bis zum "Äußersten".

Damit zeigt sich ein Richtungssinn für ein ausgreifenderes Verständnis unseres Textes. Dieses Verständnis ist dann nicht willkürlich, sondern diesem Text als Teil des ganzen Evangeliums durchaus angemessen. Matthäus hat das Gerichtsgleichnis wohl noch sehr konkret als dringliche Einladung zur Solidarität mit hilfsbedürftigen Glaubensgenossen verstanden. Ähnliches lesen wir auch beispielsweise bei Paulus, selbst wenn dieser ganz in unserem Sinn die Aufforderung zur Hilfeleistung schon ausweitet auf alle Menschen, vgl. Gal 6,10: "Deswegen wollen wir, solange wir noch Zeit haben, allen Menschen Gutes tun". Paulus fügt aber sofort an, eben weil dies ein konkretes Problem und eine ständige Aufgabe der frühen Gemeinden war: "....besonders aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind." Mir scheint beinahe, dass Paulus unsere Gerichtsgeschichte gekannt hat! Oder sagen wir besser: Beide, Paulus wie Matthäus teilen die gleichen gesellschaftlichen Rahmendingungen, in denen sie als Christen leben und wirken.

IV.

Sind wir damit am Ende unserer Auslegung angekommen? Ich meine, wir müssen noch etwas Wichtiges bedenken, ja vielleicht das Wichtigste überhaupt. Warum diese merkwürdige Identifikation Jesu mit seinen "geringsten Brüdern"? Solidariät mit jeder menschlichen Not - Ja! Volle Zustimmung. Aber wozu braucht es dann diese Verschränkung mit Jesus: "Das habt ihr mir getan!"? Ist das nur eine schöne Idee? Ein guter literarischer Einfall des Evangelisten? Ein besonders raffinierter moralischer Appell, im Gutestun nicht nachzulassen?

Ich setze einmal mit meiner Antwort so ein: Das Christentum ist nicht in dem Sinne von Jesus Christus ablösbar wie eine Philosophie oder eine Weisheitslehre, die - einmal richtig verstanden - ihren Lehrer letztlich überflüssig macht. Das Evangelium ist für Matthäus und für die spätere christliche Glaubenstradition so etwas wie eine Einweisung in die Nachahmung des Lebens Jesu, letztlich in die Übernahme seiner Lebensoption. Und diese ist, um es in Kürze auf eine Formel zu bringen: ein Leben in der Proexistenz, im Dasein "für" den anderen - weil dies der Wille Gottes ist, ja weil Gott selbst so ist. Noch kürzer gesagt: Jesus hat selbst das gelebt, was er seinen Jüngern als Lebensgestalt auferlegt: "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater (im Himmel) ist!" (vgl. Lk 6,36).

Der Menschensohn-Richter bleibt also fortdauernd in seiner irdischen Existenz, so wie sie uns das Matthäus-Evangelium vor Augen stellt, Maßstab und Lebensnorm. Das Christentum kennt keine von Jesus Christus ablösbare Moral. Dieser Richter, der mit Jesus von Nazareth identisch ist, wird letztlich unser Leben an seinem Leben messen. Er wartet darauf, dass sich in uns das ausprägt, was er selbst ist: der gehorsame Sohn des Vaters, der gekommen ist, nicht seinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen des Vaters (vgl. nur Mt 7,21). So hat er uns zumindest zu beten gelehrt (vgl. Mt 6.10). Dieses Kriterium wird hier in diesem Text zum Maßstab unserer letzten "Evaluierung" erklärt. Es reicht nach Matthäus nicht, ein Leben lang "Herr, Herr!" zu rufen (vgl. M77,21) - wir denken an den Kyrie-eleison-Ruf in unseren Gottesdiensten! Nicht was wir rufen ist wichtig, sondern was wir leben. Nur der Baum kann bleiben, der Früchte hervorbringt (vgl. Mt 7,19). Die Ewigkeit wird in dem bestehen, was wir auf Erden geworden sind: dem Willen des Vaters Gehorsame - oder Ungehorsame. Oder im Sinne unseres Textes: zur Liebe fähige - oder zur Liebe unfähige Menschen. Darum macht jede Tat der Liebe nicht nur einen hungrigen Nächsten satt, sondern sie sättigt - zugespitzt gesagt - den "Hunger" dieses Jesus, uns alle in diesem Sinne als seine Brüder und Schwestern zu sehen. Diese wird er im Gericht "wiedererkennen", von den anderen gilt: "Ich kenne euch nicht!" (vgl. Mt 7,23).

V.

Ich komme noch einmal auf das berühmte Argument Pascals mit der Wette zurück. Der Haupteinwand Nietzsches und anderer vor und nach ihm ist ja: Es lohnt sich nicht, auf Jesu Lebensoption zu wetten, weil man dadurch das eigentliche, nämlich das satte irdische Leben verpasst. Pascal weiß um dieses auch uns heute ständig präsente Gegenargument gegen eine christliche Lebensoption. Aber Pascal meint, dass, wenn einer sich für die Option zu einem Leben aus liebender Hingabe in der Art Jesu entschließt, er mehr und mehr merkt, dass er damit schon hier auf Erden den Himmel gewinnt. Diese Einsicht kann man freilich nicht mehr argumentativ vermitteln, sondern nur durch eigene Lebenserfahrung als innerlich überzeugend begreifen.

Ich sage es einmal in einem Bild: Es ist so, wie wenn einer im Schwimmbecken das Schwimmen lernen will - aber sich nur ängstlich, gleichsam als die sicherste Option, am Haltegriff des Beckenrandes festhält. Er lässt den Haltegriff nicht los - und kann so eben nicht schwimmen lernen. Er kann nicht erfahren, dass er im tiefen Wasser nicht untergeht, sondern getragen wird. Vernünftig ist das Festhalten - aber die Schwimmerfahrung kommt erst mit dem Loslassen. Muss man deshalb sagen, dass alle Schwimmer unvernünftig sind?

Oder mehr ins Existenzielle gewendet: Niemandem ist wirkliche Liebe und die Erfahrung, dass eine Lebenshingabe nicht einengt, sondern freisetzt, andemonstrierbar. Natürlich: Ein Kletterseil bindet mich zwar, aber - es lässt mich klettern! Es lässt mich Höhe und Lebensweite gewinnen. Bergsteiger wissen das, Stubenhocker nicht.

Es gibt Bindungen, die mich frei machen. Wer glücklich verheiratet ist, weiß, wovon ich rede. Wer es nicht ist, wird auch durch meine Rede nicht für diese Erfahrung gewonnen. Im Gegenteil. Er geht "lachend" davon - wie der Aufklärer aus seinen gelehrten Disputen mit den rabbinischen Weisen. Das Reich Gottes kann man eben nicht "auf den Tisch legen" und andemonstrieren, so wie einen Sachverhalt der Wissenschaft. Hier gilt: "Wer es fassen kann, der fasse es!" (Mt 19,12)

Ob Nietzsche vielleicht doch verkannt hat, dass die wahren Übermenschen, die dem Ansturm des inneren Zweifels am Sinn von Liebe und Hingabe trotzen, nicht Zarathustra-Typen sind, sondern die Heiligen - etwa die der Nächstenliebe? Oder die Menschen, die in einer Welt der Unbarmherzigkeit und des Egoismus täglich neu das Erbarmen wagen? Wer sagt denn, dass diese nicht auch in die gleichen Abgründe des Zweifels, der Verlorenheit und letzter Lebensangst geschaut haben wie Nietzsche selbst? Aber sie haben sich eben nicht mit dem "Spatz in der Hand" begnügen wollen, sondern das "Vielleicht" des jüdischen Weisen gehört und darauf gesetzt: "Vielleicht ist es doch wahr!"

Viele, die diesen Weg des Glaubens und Vertrauens gegangen sind, bezeugen, dass sich ihnen dieses "Vielleicht" in ein seliges "Gewiss" verwandelt hat. Ihr täglich neues Wagen der Liebe, des Mitleidens, des Erbarmens hat ihnen zu einem Leben verholfen, dass immer mehr von innerem Licht und von innerer Freude erfüllt wurde.

Und ich füge hinzu - ohne dies hier ausführen zu können -, dass zu meinem christlichen Glauben an das Gericht am Ende gehört, dass besonders die Opfer von Gott ins Recht, in sein und ihr Recht eingesetzt werden, aber nicht als ein nur von Gott her erfolgender forensischer Akt, sondern weil es hier mitten im "falschen" Leben, wie Adorno sagen würde, schon ein "richtiges" gibt. Eben das Leben, das schon "im Vorgriff" auf das kommende Reich Gottes setzt, selbst "unter Verfolgungen", wie die Schrift sagt (vgl.Mk 10,30). Ein Christ wagt es, die ganze Wirklichkeit, auch die des Sterben-Müssens mit österlichen Augen anzusehen. Er ist wie einer, der schon im Winter an die Sommerkleidung denkt!

Das Christentum ist eine Option, das ist wahr. Der Glaubenssatz vom Endgericht besagt, dass diese Option sich einmal in der Wirklichkeit ausweisen wird. Das Wetten wird in Gewissheit übergehen. Aber dieser Glaubenssatz besagt auch, dass diese Gewissheit schon hier und heute ihr Licht zu verbreiten anfängt. Die Botschaft, dass wir selbst uns hier auf Erden in die Gestalt wandeln, die wir einmal auf Dauer sein werden, hat für mich eine innere Evidenz. Gewiss lebt der Gottesglaube und die Entscheidung für ein Leben in der Art Jesu nicht von der Logik des Verstandes, aber er lebt von einer Logik des Herzens, die - wie Pascal erkannte - auch ihre Gründe hat. Man muss sich nur auf diese Logik einlassen - um so zu erfahren, dass man dadurch nicht ärmer, sondern reicher wird.

Die Urangst des Menschen ist es, "zu kurz" zu kommen. Ihn treibt der dumpfe Verdacht um, es werde ihm etwas vom Leben vorenthalten. Diese Verdachtsmentalität erklärt mir viel vom derzeitigen inneren Zustand unserer Gesellschaft, aber natürlich auch meiner eigenen erbsündlichen Befindlichkeit. Dagegen ist rational schwer anzugehen. Um noch einmal dieses Bild zu bemühen: Kein Schwimmlehrer darf das machen - seinen Zögling einfach so ins tiefe Wasser stoßen. Vermutlich hilft nur: gut zureden, auf das Beispiel anderer verweisen. Noch mehr mag helfen: es selbst vormachen, wie Schwimmen geht. Wenn Sie so wollen, habe ich mit diesen Worten das Wesen der Seelsorge umschrieben. Die überzeugendste Seelsorge erfolgt dort, wo Seelsorger selbst leben, wovon sie sprechen. (Das "Fegefeuer" für Prediger besteht darin, sich in der Ewigkeit ihre eigenen Predigten anhören zu müssen!). In diesem Sinne ist der einzig authentische Seelsorger Jesus selbst. Ihm glaube ich seinen Glauben. In seinen Glauben berge ich mich. Seinem Ostersieg vertraue ich. Nur deshalb kann ich Christ sein.

VI.

Haben wir uns zu weit von unserem Gerichtsgleichnis Mt 25 entfernt? Ich lese es als einen Anruf an mich selbst. Auf diesen Aspekt des Textes habe ich mich heute beschränkt. Es wird einmal eine Begegnung geben, die die Wahrheit über mich enthüllen wird. Jetzt mache ich mir manches vor. Es gehört zum Wesen des Menschen, sich etwas vorzumachen. Masken zu tragen, sich und den anderen ein Bild zu vermitteln, das nicht unbedingt dem entspricht, was wir sind.

Wenn ich den Text Mt 25 als Wort Gottes an mich gerichtet lese, nehme ich schon ein wenig von dieser alles entscheidenden Begegnung mit dem Menschensohn-Richter in der Ewigkeit vorweg. Ich schaue auf ihn, der das, was er von mir erwartet, selbst getan hat, auch mir gegenüber. Darum sage ich neu Ja zu dem täglichen Versuch, mehr und mehr mein Leben loszulassen, meine Angst um mich selbst, meinen unausrottbaren Verdacht, zu kurz zu kommen. Ich lerne, dass es verborgen unter dem Alltag meines Lebens und dem unserer Kirchen, ja der Gesellschaft insgesamt einen Wandlungsprozess gibt, der allmählich die Gestalt der kommenden Welt Gottes vorbereitet. Der Himmel wird ja in der Heiligen Schrift auch als erneuerte Erde beschrieben. In ihr leben Menschen, die von Gott verwandelt worden sind - zu Schwestern und Brüdern Jesu. Es gibt schon Inseln des Gottesreiches hier auf Erden. Man findet sie nicht nur in Kirchgemeinden. Es gibt auch Nichtchristen, die die Bergpredigt Jesu leben.

Darum macht mir der Gedanke eines Gerichtes, das mir angesichts der Begegnung mit diesem Richter Jesus von Nazareth ins Haus steht, keine Angst. Dieser Gedanke macht mir Beine - das gebe ich zu. Er beflügelt mich, mich noch mehr und intensiver an ihn zu halten, der mir Lebensmaß und Lebensgestalt sein will. Denn ich weiß - um mit Paulus zu sprechen: Wenn ich in ihm lebe, mich von ihm lieben lasse, dann lebt er in mir. Und ich vermag in ihm zu leben, weil er mir das in seiner freien Gnade schenkt, so wie jede echte Begegnung mit einem geliebten Menschen einem Kräfte, gleichsam "Flügel" schenkt, die einen über sich selbst hinauswachsen lassen.

Ich sage es einmal zugespitzt so: Nächstenliebe ohne Jesus Christus ist eine Tugend. Es gibt viele Nichtchristen, die diese Tugend leben, vermutlich noch besser als ich. Liebe zum Nächsten und Erbarmen mit Hilfsbedürftigen nach der Art Jesu hingegen ist nicht zuerst eine Tugend, sondern eine Antwort, eine "Reaktion". Und zwar in dem Sinne, wie einer im Normalfall erst anfängt tugendhaft und gesittet zu werden, wenn er selbst von einem anderen geliebt wird. Man verzeihe mir den banalen Vergleich. Das soll es ja noch heute geben: dass ein unausgegorener Jugendlicher, der bei jeder Gelegenheit frech unter dem Tisch hervorguckt und seine nächste Umgebung zu stiller Verzweiflung treibt, sich erstaunlich wandelt, wenn er eine Freundin hat. Vater und Mutter mögen dann vielleicht sagen: "Junge, wir kennen dich ja gar nicht wieder!"

So verstehe ich das Problem von Gnade und Werke, das unseren Evangelisten als theologisches Problem noch nicht sonderlich umtreibt. Vielleicht hat Matthäus recht, wenn er uns in seinem Evangelium auffordert: Setze dich diesem Jesus von Nazareth aus - und du wirst von selbst merken, dass Du reagieren musst! Du wirst anfangen, dich zu wandeln, dich loszulassen, die Haltegriffe deiner irdischen Sicherheiten, um dich - in der Liebe "freizuschwimmen"!

Ob es Menschen gibt, die dieses Ziel nicht erreichen? Unser Schrifttext schließt dies als schreckliche Möglichkeit nicht aus. Es mag eine solche Verhärtung geben, die nicht bereit ist, sich der Liebe gegenüber zu öffnen, selbst der Liebe nicht, die uns vom Kreuz Jesu her umfängt. Meine Predigt gibt keine "allgemeine Marscherleicherterung" als Parole aus, etwa in dem Sinn: "Es ist ja alles nicht so schlimm. Der liebe Gott wird es schon richten!"

Ja, er wird schon richten. Und er hat uns unmissverständlich gesagt, wonach er sich bei der Bewertung unseres Lebens richten wird: Ob er an uns etwas von Jesus wiedererkennt! Im Übrigen halte ich mich an ein Wort des katholischen Theologen Hans Urs von Balthasar, der einmal gesagt hat: "Es gibt zwar eine Hölle, aber ich hoffe fest, dass keiner drin ist!" Die Heilige Schrift gibt uns darüber keine Auskunft. Aber sie sagt dagegen ausdrücklich, dass die Liebe "alles hoffen" darf (vgl. 1 Kor 13,7). Und sich daran zu halten, lade ich Sie alle ein. Amen.



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