Die Katholische Kirche und die Anfragen der Biotechnologie

Vortrag vom Rottenburger Bischof Gebhard Fürst, ehemaliges Mitglied im Nationalen Ethikrat

Gehalten am 26.10.2005 in der Friedrich-Schiller Universität Jena auf Einladung des Katholischen Forums im Land Thüringen – Akademie des Bistums Erfurt – sowie des Lehrstuhls für Angewandte Ethik der FSU Jena

Die Katholische Kirche und die Anfragen der Biotechnologie: Zwischen dem technisch Machbaren und dem Prinzip Verantwortung

    "Es erscheint mir angebracht, aus christlicher Hoffnung heraus jenem Ungeist der Verneinung entgegenzutreten, der in einer verantwortungslosen Abkehr vom Leben die Lösung der Nöte unserer Zeit sieht." (1)
Meine Damen und Herren, wenn ich mit diesem Zitat meinen Vortrag eröffne, so deshalb, weil es in der Tat heute höchst angebracht ist, eine aus meiner Sicht verantwortungslose Abkehr vom Leben zu thematisieren, die sich gegenwärtig im Zusammenhang mit neuen Biotechnologien abzuzeichnen beginnt. Mit diesen Entwicklungen stellen sich zentrale Fragen des Menschseins ganz neu. Fragen, bei denen es nicht leicht ist, Orientierung zu gewinnen und noch schwieriger, gewonnene Orientierung nachhaltig zur Geltung zu bringen. Das Eröffnungszitat entstammt einer bereits 1951 gehaltenen politischen Rede des katholischen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold. Unter diese Worte gestellt möchte ich mit ihnen nachdenken über den Menschen zwischen dem technisch Machbaren und dem Prinzip Verantwortung im Zeitalter der Biotechnologien.

Wie gewinnen wir Orientierungsmarken für unser ethisch verantwortliches Handeln im unübersichtlichem Gelände? Gibt doch immer mehr das faktisch Gegebene und das technisch Machbare den Takt an. Dies räumte Bundeskanzler Schröder vor einigen Monaten ein, als er feststellte: "Die Entwicklungen in den Instituten und Laboren geben ein Tempo vor, bei dem Politik und Gesellschaft nicht den Anschluss verliefen dürfen." (2)

Nicht mehr prinzipielle Überzeugungen, Werte oder ethische Grundüberlegungen bestimmen zunehmend das politisch-gesellschaftliche Handeln, sondern der öffentlich entstehende Druck und die Erwartung des Machens. Ältere und kranke Menschen sehen sich beispielsweise am Lebensende unter finanziellen, gesellschaftlichen oder gar familiären Druck gesetzt, ja nicht der Allgemeinheit durch ein langes Dahinsterben zur Last zu fallen. Hier und bei manch anderen Beispielen, auf die ich noch zu sprechen komme, sehen sich die Christen, sieht sich die Kirche in der Pflicht, einer unverantwortlichen Abkehr vom Leben zu wehren, und aufzustehen für das Leben in allen seinen Phasen, vom aller ersten Anfang an bis zum letzten Atemzug.

Eine Möglichkeit, Verantwortung für das Handeln zu übernehmen, ist es, sich in den öffentlichen Diskurs einzuschalten, um so politische Diskussionen und Entscheidungen mitzugestalten. Ich bin Vorsitzender der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz und habe, wie Sie wissen, die katholische Kirche in den letzten fünf Jahren im Nationalen Ethikrat vertreten, der die ethischen Fragen und Argumente im Umkreis der 'Lebenswissenschaften' reflektieren soll. Zu den Lebenswissenschaften zählen unter anderem die Biowissenschaften, die Bioinformatik, die Biomedizin und die Pharmazie. Die Lebenswissenschaften werden unser Wissen über den Menschen erweitern und wecken so viele Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Neue Erkenntnisse fordern aber die Prüfung, ob deren Nutzung ethisch verantwortet werden kann. (3)

Das Leben des Menschen ist nach christlicher Überzeugung ein Geschenk Gottes an den Menschen, ein Geschenk, das nicht immer leicht zu tragen, aber uns in Verantwortung zu gestalten aufgegeben ist. Dabei ist es nicht folgenlos, aus welcher weltanschaulichen Grundorientierung heraus argumentiert und das Gestalten geleitet wird. Glaubt der gestaltende Mensch an Gott als den Schöpfer und Erlöser des Menschen, der am Anfang steht und als Ziel menschlichen Lebens vorgegeben ist, der den Menschen annimmt und trägt oder glaubt er das nicht? Glaubt der Handelnde an einen Gott, der Ja sagt zum Menschen, so schwach und unperfekt und letztlich sterblich er auch ist oder glaubt er das nicht? Glaubt er an Gott, der ewiges Leben schenkt über alles Irdische hinaus? Oder leitet den Handelnden das alles nicht und wähnt er sich als Schöpfer und Erlöser seiner selbst? - Die je getroffene Grundoption bestimmt die Lebensführung eines Menschen, sein Denken, Urteilen und Handeln. Der fundamentalen Option der Christen für das Leben als Ganzem und damit der Menschlichkeit des Menschen würde der Mensch beraubt, wollte er sich aus eigener Kraft, gewissermaßen selbstschöpferisch und selbsterlöserisch, perfektionieren. Das Imperfekte und Begrenzte macht in der christlichen Religion das Wesen der Geschöpflichkeit des Menschen aus.

'Verantwortungslose Abkehr vom Leben', in diesem treffend formulierten Vorwurf steckt positiv gewendet ein doppelter politischer Anspruch: einerseits die christliche Grundoption, aufzustehen für das Leben des Menschen in allen seinen Phasen, anderseits der Appell, dieses Aufstehen in hoher Verantwortung wahrzunehmen: das heißt Rechenschaft zu geben vor dem, der nach christlichem Glauben das Leben geschenkt hat und es schließlich vollenden wird. Mit einer solch klaren Orientierung steht und fällt m.E. das humane Handeln in einer Gesellschaft. Daher ist es unabdingbar, für diese Orientierung entschlossen einzustehen. Die christliche Religion gibt die Grundorientierung und das Fundament, auf dem Menschen verantwortungsvoll in die Zukunft gehen und für die Zukunft handeln können. In das Gegenwart und Zukunft gestaltende gesellschaftliche Handeln können und müssen sich Christen deshalb kritisch und engagiert einmischen. Sie können von daher Stellung beziehen, zur Unterscheidung der Geister beitragen und vor den Menschen überzeugend Rechenschaft von der Hoffnung geben, die sie erfüllt. Denn es ist nicht gleichgültig, ob z.B. eine Verfassung für Europa sich explizit zur Verantwortung vor Gott bekennt oder nicht. Es ist auch nicht gleichgültig, ob Menschen in christlicher oder allgemein humanistischer oder dem Machbarkeitsgedanken anhängender Grundhaltung leben und handeln. Das alles ist vielmehr folgenschwer!

Meine Damen und Herren, viele Menschen sehen sich durch aktuelle Ereignisse oder auch ganz unmittelbar und praktisch als einzelne Personen den Herausforderungen, den Dilemmata oder Ratlosigkeiten ausgesetzt, die die neuen Erkenntnisse und Machbarkeiten der Lebenswissenschaften und der Biotechnologien mit sich bringen. Ein ethisches Oktroi für alle kann es in der säkularen, demokratischen, pluralistischen Gesellschaft nicht geben. Sie ist darauf verwiesen, im Widerstreit und argumentativen Diskurs ihren Weg zu finden. Die Erkenntnis allerdings, dass ein ethischer Konsens nur argumentativ zu gewinnen ist und nicht diktiert werden kann, darf kein Freibrief für ethische Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit sein. In den aktuellen Entwicklungen der Biotechnologie und in den Debatten um ihre Beurteilung scheint mir das aber in gewisser Weise der Fall zu sein.

Das unsere Zeit prägende Machbarkeitspostulat kann unreflektiert und ethisch entgrenzt zu umfassenden und höchst problematischen Auswirkungen führen. Waren es im 20. Jahrhundert politische Ideologien, die die Optimierung der Gesellschaft erwirken wollten, so sind es zu Beginn des 21. Jahrhunderts die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten des perfektionierenden Zugriffs auf das individuelle Leben der einzelnen Menschen. Waren es im letzten Jahrhundert zentrale Versuche von Planwirtschaft und geplanter Gesellschaft, das Zusammenleben der Menschen in den Griff einer Vollendungstrategie zu bekommen, so versuchen nun Biotechnologien im Habitus des 'Machens' den einzelnen Menschen und sein Leben nach eigenen Vorstellungen und Idealen technologisch zu perfektionieren. Hier bedarf es besonderer Wachsamkeit und hoher Sensibilität. Das christliche Bild vom Menschen liefert dabei keine rezepthaften Lösungen für konkrete soziale oder individuell-personale Probleme im Detail. Es fungiert aber zumindest als Kriterium und Korrektiv, von dem her nicht akzeptable Handlungsoptionen ausgeschlossen werden können.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit geht es heute um die Frage, ob der Mensch durch die ihm zur Verfügung stehenden biotechnischen Möglichkeiten den Menschen selber in seinem "Bauplan" verändern und ihn genetisch neu entwerfen soll. Hierbei geht es aber nicht in erster Linie um wissenschaftliche oder technische Aspekte der Machbarkeit. Wir müssen vielmehr in Beantwortung dieser Frage Grundoptionen bedenken und Wertentscheidungen treffen. Wir müssen entscheiden, welche technischen Möglichkeiten sich mit unseren Grundüberzeugungen und Werten vereinbaren lassen und welche nicht.

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in der Gentechnik und Biomedizin zeichnen sich tiefgreifende kulturelle und zivilisatorische Veränderungen ab. Die sogenannten Lebenswissenschaften werden uns neue Erkenntnisse schenken, unser Wissen über den Menschen dramatisch erweitern. Sie wecken viele Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Neue Erkenntnisse fordern aber die Prüfung, ob deren Nutzung ethisch verantwortet werden kann (4) und ob die damit verbundenen Hoffnungen und Ängste jeweils einer realistischen Prüfung standhalten. Nie wussten wir so viel, nie konnten wir so viel wie heute. Und wir werden in Zukunft noch viel mehr wissen und können. Aber die Frage ist, ob Menschen wirklich alles wissen wollen, was Menschen wissen können? Und ob wir alles tun sollen, was wir können bzw. tun könnten? Ob die Machbarkeit allein darüber entscheidet, was machbar ist.

Dass es sich bei diesen Überlegungen nicht um bloße Spekulationen handelt, möchte ich an einigen realen Beispielen aus den Lebenswissenschaften und den auf ihnen basierenden Technologien konkretisieren. Diese ausgewählten Beispiele sollen verdeutlichen, was alles machbar ist:

In den USA haben sich zwei in Lebenspartnerschaft lebende lesbische Frauen, die beide taub sind, durch bewusste Auswahl eines genetisch bedingten gehörlosen Samenspenders einen Embryo bestellt, aus dem sich wunschgemäß (!) ein taubes Kind entwickelte. - Das Kind durfte nicht anders sein, als die embryobestellenden Frauen selbst sind. Eine bewusste, gewollte Fremdbestimmung ungeheuren Ausmaßes über ein ganzes Menschenleben durch Menschen! Das ist machbar!

Die Reproduktionstechnologie macht es z. B. in den USA schon möglich, dass ein Kind fünf Elternteile hat: Zwei biologische Eltern: Ei- und Samenspender; zwei soziale Eltern: Mann und Frau, die den Embryo nach bestimmten Kriterien und mit bestimmten Eigenschaften bestellten - und die austragende Leihmutter. Das ist machbar! Unabsehbar ist, welchen Einfluss diese Möglichkeiten auf das auf diesem Weg 'hergestellte' Kind haben. Solchermaßen bestellte Kinder wurden schon des öfteren nicht abgeholt!

In Korea wurde in eine vom Zellkern entkernte weibliche Eizelle eines Kaninchens der Zellkern eingepflanzt, der zuvor einer Zelle eines 12-jährigen Jungen entnommen wurde: Die Utopie einer Chimäre aus Mensch und Tier wurde hier ausprobiert. Das wird gemacht! Der Nationale Ethikrat Deutschlands will sich in absehbarer Zeit mit der Problematik der Chimärenbildung befassen. Also wird solches nicht als Einzelfall gesehen, sondern als künftige Möglichkeit.

Zu Beginn des Jahres 2004 haben Forscher in Südkorea Menschen geklont. Die dreißig Embryonen, die sie im Reagenzglas hergestellt hatten, haben sie zwar nach wenigen Tagen wieder getötet. Sie hatten diesmal auch nicht die Absicht, sie in den Leib einer Frau einzupflanzen, um ein Klon-Baby heranwachsen zu lassen. Aber sie haben offenbar erstmals den Beleg dafür geliefert, dass eben das reproduktive Klonen von Menschen möglich ist. Es ist machbar! Ganz abgesehen, dass die Produktion genetischer Kopien einzigartiger Menschen in beliebigen Zeitabständen und Mengen grotesk und ethisch inakzeptabel ist, ist zudem die Wahrscheinlichkeit groß, dass Klonkinder missgebildet sind und/oder aufgrund des Klonverfahrens erkranken. Auch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Klone - als Kopien von aufgrund besonders erwünschter Eigenschaften ausgewählter Menschen-Exemplare produziert - psychische Schäden erleiden. Und das Risiko, dass die Klontechnik von egomanischen Machthabern instrumentalisiert und noch weiter pervertiert werden kann, liegt auf der Hand.

Aber schon die 'Fortschritte' beim sogenannten therapeutischen Klonen, bei dem Embryonen lediglich zum Zweck erhoffter therapeutischer Verfahren erzeugt und sogleich wieder getötet werden, werfen schwerwiegende ethische Fragen auf. So werden zunächst Frauen als Eizellspenderinnen in großer Zahl benötigt und müssen sich dazu einer alles andere als risikofreien Hormonbehandlung unterziehen. Insbesondere werden die aus den befruchteten Eizellen entstehenden Embryonen zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen wieder getötet.

Unsere Gesellschaften sind jetzt schon europaweit und weltweit dabei, die Tötung menschlicher Embryonen in Kauf zu nehmen, um die Grundlagenforschung an embryonalen Stammzellen voranzutreiben. Dabei gäbe es mit den adulten Stammzellen durchaus erfolgversprechende und vor allem ethisch unbedenkliche Alternativen. Gleichzeitig etabliert sich so aber eine selektierende, d.h. auswählende und auch verwerfende Diagnostik bezüglich in vitro künstlich erzeugter Embryonen, die über lebenswertes und lebensunwertes Menschenleben entscheidet. Längst gibt es in den USA eine lukrative Reproduktionsindustrie, die dazu führt, dass menschliche Keimzellen und menschliche Lebewesen zur Handelsware werden.

Das Fehlen eindeutiger Regelungen führt dazu, dass das technisch Machbare ethisch nicht verantwortbare Fakten schafft. Beim 'therapeutischen' Klonen wird ein Patient geklont, um aus dem Embryo mittels embryonaler Stammzellen Ersatzgewebe zur Heilung zu züchten. Beim reproduktiven Klonen wird dieser durchs Klonverfahren erzeugte Embryo einer Mutter zum Weiterwachsen eingepflanzt. Die Verfahren sind also in ihren wichtigsten Schritten identisch. Wer die Forschung am therapeutischen Klonen vorantreibt, schafft damit die Anleitung zum Babyklonen. (5) Somit öffnet derjenige, der das 'therapeutische Klonen' erlaubt, auch Tor und Tür für das angeblich nicht gewollte ?reproduktive Klonen'.

Die Möglichkeiten des Menschenklonens stellen aber nicht nur die Politik vor neue Aufgaben und Entscheidungen. Es ist auch unsere Gesellschaft insgesamt, die sich mit ihren Träumen, Wünschen und Idealen auseinandersetzen muss, die erst die Nachfrage nach dem Klonen schaffen. Bei allem Verständnis für die einzelnen Situationen nenne ich hier den Wunsch unfruchtbarer Paare nach einem eigenen Kind um jeden Preis. Ich nenne – allerdings auf einer anderen Ebene - den gesteigerten Individualismus solcher, die sich selbst gerne verdoppelt haben wollen; und schließlich nenne ich gewisse Unsterblichkeitsphantasien, die auf die Biotechnologie und ihre Heilsversprechungen setzten. (6)

Meine Damen und Herren, Johannes Rau sagte als Bundespräsident, an moralischen Grundsätzen und ethischen Orientierungen festzuhalten sei nicht immer leicht "in einer Zeit, in der wir Tag für Tag hören und lesen, dass unser Heil darin liege, ewig jung zu bleiben und immer schöner zu werden, niemals krank zu werden und unbegrenzt leistungsfähig zu sein. Viel zu viele machen sich das kritiklos oder auch mit schlechtem Gewissen zu eigen, obwohl sie doch mit offenen Augen sehen können, dass dieses Bild vom Menschen nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat." (7) Soweit Johannes Rau.

Die Kirche versteht sich bei all dem, was aus den Lebenswissenschaften und Biotechnologie folgt und folgen kann, als Anwalt der Humanität und als Anwalt der Unverfügbarkeit des Menschen. Das Leben des Menschen ist nach christlichem Verständnis mehr als eine beliebige biologische Tatsache. Nach christlichem Glaubensverständnis hat Gott den Menschen geschaffen: Gott ist der Schöpfer – der Mensch ist Geschöpf. Aber auch 'nichttheologische' Begründungen führen zu der Erkenntnis, dass die Menschenwürde dem Menschen allein schon aufgrund seines Menschseins zukommt und jeder Leistung und jeder rechtlichen Regelung vorgängig ist. Es ist mir hierbei wichtig zu betonen, dass wir als Kirche keine bloß binnentheologische oder binnenkirchliche Sondermoral vertreten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit der Dimension der Unantastbarkeit ist das angesprochen, was die Religion die Dimension des Heiligen nennt. Verlieren wir diese Dimension des Heiligen, so liefern wir Menschen uns an uns selber aus.

Wir werden unser eigener Gott. Erst der Respekt vor dem Heiligen, dem Unantastbaren, sichert unser Menschsein und schützt uns vor der Selbstvergötzung. Wir müssen diese Dimension des Nichtmachbaren im Interesse des Menschseins des Menschen wieder groß werden lassen. Der Philosoph Hans Jonas befasst sich in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" mit den Spannungen, Widersprüchen und Wunden der modernen Gesellschaft. Er formuliert dort mit Blick auf die Biotechnologie Sätze, die mir in unserem Zusammenhang wichtig sind. Ich darf ihn zitieren: "Die Ehrfurcht allein, indem sie uns ein ?Heiliges', das heißt unter keinen Umständen zu Verletzendes enthüllt, (...) wird uns auch davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen." (8)

Hellsichtig weist Jonas darauf hin, worauf es ankommt. Er fragt, ob wir ohne die Wiederzulassung und Wiedererrichtung der Kategorie des Heiligen überhaupt eine Ethik haben können, welche die extremen Kräfte, die wir heute besitzen, zügeln könne. Jonas beantwortet seine selbst gestellte Frage mit der Forderung der Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen. Denn "wo nichts mehr heilig ist, wird alles Machbare wirklich." Wichtig für die Argumentation ist mir, dass selbst Menschen, die nicht an Gott glauben, für diese die Humanität des Menschen sicherstellende Dimension des Unverfügbaren, des Heiligen ein waches Sensorium haben. Albert Camus z.B., der humanistische Atheist, schreibt in einem Brief an einen Freund: "Ich glaube nicht an das künftige Leben, aber ich habe die Empfindung des Heiligen." (9) Gerade der Verlust des 'Heiligen' führt zum Machbarkeitswahn und zu Allmachtsphantasien. (10)

Diese Dimension des Unverfügbaren, die das Menschsein eigentlich ausmacht und sichert, droht aber heute zugunsten zweitrangiger Ziele der Ökonomie, der Forschung aufgegeben zu werden. Damit aber würden wir uns unserer Menschlichkeit berauben. (11)

Der Mensch, der sich zum Schöpfer seiner selbst aufschwingt, bewirkt Entwicklungen, die alsbald dazu führen werden, Menschen in verschiedene Kategorien des Perfekten und Imperfekten, des besonders Gelungenen und Wertvollen und des dann auch Unwerten und Verzichtbaren, ja des zu Vernichtenden einzuteilen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn ich diese zeit- und kulturkritischen Überlegungen vortrage, dann möchte ich zugleich nachdrücklich festhalten, dass die Kirche nicht wissenschafts- oder forschungsfeindlich ist. Im Gegenteil: Wir erwarten von den Forschern, ihre Kräfte dafür einzusetzen, dass die schweren Krankheiten unserer Zeit therapierbar werden. Alle Technologien, die das menschliche Leben auch in seinem Anfangsstadium weder zerstören noch gefährden, sind ethisch verantwortbar. Die Kirche ist nicht forschungsfeindlich, sondern lebensfreundlich. Daher befürworten wir Gentechnik und Biomedizin, wo sie die Würde des Menschen achtet und fördert. Kirche kann aber auch nicht umhin, auf Gefahren und Folgen hinzuweisen, die sich hieraus ergeben. Genforschung und Gentechnik können segensreich wirken, sie können aber auch zum Fluch werden. Das geschieht z. B., wenn Wissenschaftler der Versuchung nachgeben, einen neuen, perfekten Menschen produzieren zu wollen. Dieser neue Mensch wird schnell zu einem Götzen, auf dessen Altar Menschenopfer dargebracht werden. Hier Embryonen oder Föten mit Down-Syndrom, anderswo Mädchen wegen ihres Geschlechts, heute Kinder mit schweren Erbleiden, morgen solche, denen es an Intelligenz, Schönheit oder einfach an Erfolgsaussichten mangelt (12) oder deren Eigenschaften nicht mehr gewünscht sind. (13) Erst recht werden die ungeschützten, zahlreich im Reagenzglas erzeugten Embryonen solchen Bewertungskategorien unterworfen.

Die Weigerung des Menschen, sich als Gottes Geschöpf anzunehmen oder, mit anderen Worten, die Grenze der Unverfügbarkeit zu akzeptieren, erzeugt eine Unzufriedenheit mit sich selbst und liefert den Menschen schutzlos dem Perfektionszwang der eigenen Idealbilder aus. In welcher Gesellschaft und mit welchen Idealen wollen wir leben? Muss es nicht unser Ziel sein, "in einer Gesellschaft zu leben, die den wissenschaftlichen Fortschritt nutzt, ohne sich ihm auszuliefern, die sich im Alltag bewusst ist, dass Unterschiede zum Leben gehören und dass niemand ausgegrenzt werden darf, weil er anders ist?" (14)

Das ursprünglich aus dem Glauben an die Gottebenbildlichkeit des Menschen stammende Prinzip Menschenwürde ist nicht durch Qualitätseigenschaften verdienbar. Menschenwürde ist aber auch nicht durch nicht vorhandene Eigenschaften verlierbar. Menschenwürde sprechen Menschen einander nicht zu, sie ist dem Menschen qua Menschsein gegeben, darum können Menschen sie einander auch nicht absprechen. Sie ist dem Menschen vorgegeben. Sie darf nicht angetastet werden und kann nicht von einer durch Dritte taxierbaren Leistungsfähigkeit, Glücksfähigkeit, Sozialverträglichkeit oder Ähnlichem abhängig gemacht werden.

Gestatten Sie mir, dass ich an dieser Stelle aus gegebenem Anlass des 40. Jahrestages an Passagen aus dem II. Vatikanischen Konzil erinnere, weil das Konzil so etwas wie die Charta der Beziehungen zwischen Politik und Kirche darstellt und hier an Aktualität nichts verloren hat. Denn vor allem in der Pastoralkonstitition 'Gaudium et Spes' versuchte die Kirche die 'Zeichen der Zeit' zu erkennen und beschrieb daraufhin ihre Aufgaben in der Gegenwart. Diese Texte bieten Orientierungshilfen und signalisieren zugleich bereits mögliche Konfliktfelder.

Da heißt es im Abschnitt 'Das Leben der politischen Gemeinschaft':
    "Die Kirche, die in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf noch auch an irgendein politisches System gebunden ist, ist zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person." (GS 76)
Die Kirche trägt also dazu bei, einen anderen Sinn- und Deutungshorizont wach zu halten. Das Christentum leistet kritischen Widerstand gegen Tendenzen der Überhöhung der Politik. Das Christliche erinnert daran, dass über Gut und Böse, die Unverfügbarkeit des Lebens und die Würde des Menschen nicht nur im Hier und Jetzt entschieden wird.

Das Konzil fährt fort: 'Politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen ... der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen.'

Die Kirche hat gelernt und im Zweiten Vatikanischen Konzil gelehrt, dass die relative Eigenständigkeit der Sachbereiche zu beachten ist. Die Politik hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Diese werden nicht einfach durch den Glauben übersprungen oder außer Kraft gesetzt. Die Sachlichkeit ist ein hohes Gut, aber sie ist nicht alles. Sie reicht nicht aus, wo es um den Menschen geht, wo der Mensch handelt. Er ist eben keine bloße Sache, sondern Person. Ihn zeichnet das Ethos aus, die Verantwortung vor Gott und den anderen Menschen. Eine Sachlichkeit, die ohne das Ethos auszukommen meint, verkennt die Wirklichkeit des Menschen und wird darum auch unsachlich. Es käme alles darauf an, dass ein Höchstmaß an politischem Sachverstand sich mit einem Höchstmaß ethischer Verantwortung verbindet. (15) Das Konzil geht nun noch einen zentralen Schritt weiter, indem es die Inhalte kirchlichen Handelns zu bestimmen versucht:
    "Immer und überall nimmt die Kirche das Recht in Anspruch, (...) ihren Auftrag unter den Menschen unbehindert zu erfüllen und auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es verlangen." (GS 76)
Der Anspruch der Kirche wird ebenso klar formuliert wie seine zentralen Inhalte.

Immer dort, wo Grundrechte des Menschen oder sein Heil tangiert oder gar gefährdet sind, wird die Kirche sich einmischen, ihre Stimme erheben und kritisch mitdenken, mitreden und mithandeln. In dieser Theologie des Konzils liegt die eigentliche Begründung für unser Engagement in der Gesellschaft. Hier liegt der Grund dafür, warum ich bei aller Kritik und berechtigten Anfragen davon überzeugt bin, dass es sinnvoll ist, unseren Platz in öffentlichen Gremien wie dem Nationalen Ethikrat oder der Enquetekommission einzunehmen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Dimension der Unantastbarkeit der Menschenwürde mit ihren ganz konkreten Auswirkungen darf nicht aufgegeben werden, weil wirtschaftliche oder technische Erwägungen der Machbarkeit uns dazu drängen wollen. Die Katholische Kirche verteidigt mit der Forderung nach unbedingtem Lebensschutz für embryonale Menschen nicht einen nostalgischen Lebensbegriff, sondern eines der moralischen Grundprinzipien der Aufklärung. Ich sehe mit Sorge, dass gerade in vorgeblich modernen und aufgeklärten Gesellschaften diese Prinzipien der Menschenwürde und der mit ihr gegebenen Personalität des Menschen von Anfang an im Namen der Freiheit der Forschung und zugunsten ökonomischer Nutzenkalküle in Frage und zur Disposition gestellt werden. Der Preis, den wir oder die Generationen nach uns "in einer verantwortungslosen Abkehr vom Leben" für solche Schritte ins Ungewisse bezahlen müssten, wäre im wahrsten Sinne unverantwortlich hoch.

Der Kernpunkt der bioethischen Debatte ist immer die gleiche Frage: Wann beginnt das Leben des Menschen, das immer auch personales Leben ist? Ist der Embryo, die befruchtete Eizelle, schon ein Mensch?

Die Antwort der katholischen Kirche ist eindeutig: Die Entwicklung des Menschen als Menschen stellt sich für sie als kontinuierlicher, sich in Identität durchhaltender Prozess dar, dem das Menschsein zugrunde liegt und der sich von der Verschmelzung von Ei und Samenzelle über das embryonale Menschsein, über Geburt, Kindheit und Erwachsenenalter bis hin zu Krankheit, zum Sterben und zum Tode spannt. Die Würde des Menschen und das Menschsein sind deshalb unteilbar und können nicht auf einzelne Entwicklungsphasen mehr oder weniger verteilt werden. (16)

Es gibt weder naturwissenschaftlich noch anthropologisch eine echte und evidente, von Werte- und Interessenentscheidungen unabhängige Zäsur in der Entwicklung des Menschen als Menschen. Die Position der katholischen Kirche ist klar und einfach: Ein Embryo ist Mensch und individuelle Person von Anfang an - es fehlen die Argumente für eine abgestufte Schutzwürdigkeit. Denn es gibt keinen Moment in der Entwicklung, an dem man sagen könnte, erst hier wird ein Embryo zum Menschen. Daher gibt es auch keine menschlichen Embryonen erster und zweiter Klasse, und es ist daher nicht möglich, zwischen schutzwürdigen und nicht schutzwürdigen Embryonen zu unterscheiden. (17)

Die medizinische und gentechnische Forschung gilt in erster Linie der Sicherung des menschlichen Lebens und der Verbesserung der Lebensqualität. Aus christlicher Sicht ist dieses Ziel ethisch ebenso legitim wie erstrebenswert. Dennoch muss wissenschaftliche Forschung Hand in Hand gehen mit gesellschaftlicher Verantwortung. Selbst ein "hochrangiges Ziel" wie 'gesundes Leben' darf nicht um jeden Preis verfolgt werden. Aus christlicher und humanistischer Motivation ist entschiedener Einspruch geboten, wenn Embryonen im Zuge der Forschung um der Überwindung von Krankheit willen "verbraucht", d.h. getötet werden. (18)

Was wissenschaftlich und technisch versucht wird, gerade in der Medizin und Pharmazeutik, muss dem Wohl des Menschen dienen von der Zeugung bis zum Tod und ebenso auch dem Wohl der kommenden Generationen. Denn das Prinzip der Menschenwürde bedeutet vor allem, dass der Mensch als Mensch Ziel und Zweck aller gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung sein muss, niemals jedoch als Mittel zu irgendwelchen Zwecken für Andere instrumentalisiert werden darf. Nachgewiesen werden muss heute, warum etwas im Bereich der Forschung und Anwendung der Lebenswissenschaften getan wird, und nicht, warum es nicht getan werden soll.

Der christliche Glaube bewahrt vor Machbarkeits- und Erlösungsphantasien, die an wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften angehängt werden. (19) Er kann uns Orientierung bieten, wenn es um das Erkennung moralisch bedenklicher Ziele geht sowie um die Identifizierung moralisch falscher Mittel. Gesundheit kann man nicht garantieren, auch nicht durch Präimplantationsdiagnostik oder die Züchtung von menschlichen Ersatzorganen. Letztlich sind und bleiben Menschen endliche und eben imperfekte Wesen, krankheitsanfällige und sterbliche Menschen, die in aller Regel auch krank werden und ausnahmslos sterben müssen. Zu oft leiden die Debatten unter vielen ungedeckten Glücksversprechen und Heilsphantasien ebenso wie unter der völligen Unklarheit der kurz- und längerfristigen Folgen der neuen Technik. (20)

In unseren öffentlichen Debatten sollten wir auch bedenken, dass es beim Menschen in der Spannung von technisch Machbaren und der zu übernehmenden Verantwortung um den Menschen als Beziehungswesen geht. Sein Wesen wird verletzt, wenn er nicht konstitutiv in seiner Angewiesenheit auf Beziehung zum Anderen gesehen wird. Wie der einzelne Mensch das Recht hat, nicht nur das Produkt einer genetischen Ingenieurskunst zu sein, sondern Kind seiner Eltern, so bedeutet umgekehrt auch Elternschaft nicht die Herstellung einer genetisch möglichst "hochwertigen" Nachkommenschaft, sondern sie ist Ausdruck einer sittlichen und sozialen, liebenden Beziehung. Menschen werden gezeugt und nicht produziert. Ein Kind ist keine Ware, für die bei Mangelhaftigkeit Schadensersatz geltend gemacht werden könnte. Es ist eine grausame Zumutung für einen Menschen, in dem Bewusstsein leben zu müssen, nach ganz bestimmten erfolgversprechenden genetischen Anlagen von anderen Menschen zum Leben auserwählt worden zu sein und sich entsprechend entwickeln zu sollen.

Angesichts der neuen Möglichkeiten der Biotechnologien müssen wir den Be-griff der Verantwortung so weit fassen, dass auch Folgen, die unbeabsichtigt und unabsehbar sind, in das Konzept integriert werden. Bisher galt es als selbstverständlich und sinnvoll, dass nur für die Folgen Verantwortung übernommen werden kann, die zum Zeitpunkt der Taten wissentlich und absehbar waren. In unserer Zeit muss Verantwortung heißen, sich vor einer Handlung bereit erklären zu können, für mögliche Folgen einzustehen, die verursacht werden, auch wenn sie unbeabsichtigt waren. Wer das nicht kann, muss die Handlung sein lassen. Der bereits zitierte Hans Jonas rät deshalb angesichts der gewaltigen Dimensionen heutiger Forschungsmöglichkeiten dazu, im Zweifelsfall, der heute der Regelfall sei, folgende Grundregel anzuwenden: "... in dubio pro malo – wenn im Zweifel, gib der schlimmeren Prognose vor der besseren Gehör, denn die Einsätze sind zu groß geworden für das Spiel." (21) Das ist keine Bedenkenträgerei, sondern die Übernahme von Verantwortung für die Zukunft kommender Generationen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, angesichts dieser Herausforderung sind wir alle aufgerufen, vor allem auch die, die für unser Gemeinwesen und für die Kultur Verantwortung tragen, dass wir uns zu diesen spektakulären biotechnologischen Möglichkeiten und die damit implizierten ethischen Fragen ein verantwortliches Urteil bilden.

Das fragende Unterbrechen durch Christen mag einige Politiker und Wissenschaftler stören: Der Weiterentwicklung der Gesellschaft und vor allem dem Wohl der Menschen aber tun diese heilsamen Unterbrechungen gut. Denn Christen und Kirche leisten diesen Dienst des Fragens aus dem Evangelium heraus und in der Überzeugung, mit dem Evangelium keine Sonderbotschaft für einen kleinen Kreis zu verkünden, sondern die grundlegende Botschaft des Lebens für alle Menschen zur Sprache zu bringen.

Im Stück 'Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny' von Bert Brecht wird ein Mann wegen Mangel an Geld (sic!) zum Tod verurteilt. Aber den Tod vor Augen stellt er noch eine letzte Frage: 'Denkt ihr denn gar nicht an Gott?'

Meine Damen und Herren, mir scheint in dieser Frage ein wesentliches Zeichen auch unserer Zeit erkannt zu sein: Eine Zeit, dies sich bemüht, eine rein immanente Sicht der Welt, von Mensch und Gesellschaft zu etablieren und dabei wesentliche Dimensionen aus dem Blick verliert.

'Denkt ihr denn gar nicht an Gott?': Diese Frage wach zu halten und in den verschiedenen Dimensionen des Lebens zu konkretisieren, scheint mir die wichtigste Aufgabe der Christen heute zu sein. Denn eine fraglose Sicherheit, die sich nur noch am Maßstab des Machens und des Nutzens ausrichtet, verliert ihre Orientierung und wird bald zu einer gnadenlosen Angelegenheit von Macht und Machtmissbrauch; eine erbarmungslose Angelegenheit zwischen Starken und Schwachen, Perfekten und Behinderten, Ausgegrenzten und denen, die Grenzen ziehen.

Die Katholische Kirche und die Fragen der Biotechnologie, das Christentum und unsere Gesellschaft, der Glaube und die Politik, die Spannungsverhältnisse bleiben bestehen, auszuhalten und wichtiger noch auszugestalten.

Meine Damen und Herren, Politik braucht Ethik, unsere Gesellschaft braucht die Kirche: Beide sind aufeinander verwiesen, sie müssen den Dialog miteinander suchen, ohne Berührungsängste und zum Wohl der Menschen.


Anmerkungen

(1) Zit. nach Rainer Barzel (Hrsg.), Karl Arnold, Bonn 1960, 81.
(2) G. Schröder, Rede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen, am Dienstag, 14. Juni 2005, in Göttingen, Redemanuskript.
(3) Vgl. 'Der Mensch: sein eigener Schöpfer', Wort der Deutschen Bischofskonferenz (DB 69) zu Fragen von Gentechik und Biomedizin, 2001, 2.
(4) Vgl. ebd.
(5) Vgl. Christian Schwägerl, Auf dem Weg zum Klonkind, in: FAZ 2.12.2002.
(6) Vgl. nochmals Christian Schwägerl, Auf dem Weg zum Klonkind, in: FAZ 2.12.2002.
(7) Johannes Rau, Rede beim Kongreß zu 'Ethik und Behinderung', zitiert nach KNA, 8.12.2003.
(8) Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt/M., 1979, 393.
(9) Albert Camus, Essais, Paris 1965, Bd. 2, 1923. Ähnlich schrieb z.B. der italienische Schriftsteller und Regisseur Pier Paolo Pasolini bereits vor vielen Jahren: "Dass das Leben heilig ist, versteht sich von selbst; dieses Prinzip steht über dem Prinzip der Demokratie, und es erübrigt sich, darüber weitere Worte zu verlieren." In: Pasolini, Pier P., Freibeuterschriften, Frankfurt 1998, 89; vgl. dazu auch eine handschriftliche Notiz aus dem Nachlass von Werner Bergengruen aus dem Literaturarchiv in Marbach: 'Die Verfechter der biologischen Weltauffassung wissen erstaunlicherweise nicht von der Heiligkeit, sondern nur von der Brauchbarkeit des Lebens. Als ob zum Urteil über Wert und Unwert des Lebens nicht ein Standpunkt oberhalb unserer Welt nötig wäre.'
(10) Vgl. meine Presseerklärung zur Chimärenbildung in China: 'Maßstäbe verloren', Schwäbisches Tagblatt 20.9.2001, 31.
(11) Fürst, PURmagazin, ebd.
(12) Vgl. Franz Kamphaus, Der Neue Mensch. Nicht suchen, finden, in: FAZ 27.11.2002.
(13) Genetisch veranlagte Fettleibigkeit und Legasthenie gelten in den USA als Abtreibungsgrund.
(14) Johannes Rau, Rede beim Kongress zu 'Ethik und Behinderung', zitiert nach KNA, 8.12.2003.
(15) Vgl. Franz Kamphaus, Der Preis der Freiheit, Anstöße zur gesellschaftlichen Verantwortung der Christen, Mainz 1987, v.a. 170-173.
(16) Die fundamentale Würde des menschlichen Lebens erfordert den frühesten biologischen Zeitpunkt als Beginn des Würdeschutzes, nämlich die Befruchtung als Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Die von Ludger Honnefelder in diesem Zusammenhang vorgestellten Argumente der Kontinuität, der Potentialität und der Identität in der Entwicklung vom embryonalen Menschen zum ausgebildeten Menschen kann ich in diesem Zusammenhang nicht ausführen, möchte aber nachdrücklich auf sie hinweisen: vgl. hierzu L. Honnefelder, Person und Menschenwürde, in: L. Honnefelder/G. Krieger (Hg.), Philosophische Propädeutik, Bd. 2: Ethik = UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher 1895, Paderborn 1996, 213-266, v.a. 252-254.
(17) Man kann Menschenwürde eben nicht dem ungeborenen Leben im Mutterleib zuerkennen und zugleich dem extrakorporal künstlich erzeugten Embryo absprechen. Die einzige Möglichkeit, nicht beliebig zu werden, ist die Gleichzeitigkeit von Lebensbeginn und der Würde als Mensch – außerhalb oder innerhalb des Mutterleibes.
(18) Die Sprache verrät viel über unsere Gesellschaft: Sie überformt heute z. B. die Vorstellung der Zeugung durch die Assoziation 'industrieller Produktion'. Wer aber so von Entstehung und Weitergabe menschlichen Lebens redet, ist in Gefahr, in der 'Menschenherstellungstechnik' mit den Produkten wie mit Fabrikaten oder 'Biomaterialien' umzugehen, bestimmten Embryonen das Gütesiegel 'lebenswert' zu verleihen und andere als 'unwert' zur Vernichtung freizugeben. Wir müssen daher schon in unserer Sprache der Würde des Menschen entsprechen, und diese ist nicht zu verwechseln mit dem, was oft unbedacht als Wert oder Unwert des Lebens bezeichnet wird.
(19) DBK 69, 10f.
(20) Wieder ist die Sprache da ein verräterischer Indikator von Entwicklungen: Ebenso wie "therapeutisches Klonen" nichts mit Therapie, sondern mit der Züchtung von humanem Biomaterial zu tun hat, wird die Präimplantationsdiagnostik viel weniger mit der Hilfe für kinderlose Paare als vielmehr mit der Vermeidung und Selektion von Kranken, Behinderten oder Embryonen zu tun haben. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn eine Forschung und Technik, die angeblich dem Menschen dienen will, dafür Menschenleben 'verbraucht', sprachlich unverschleiert ausgedrückt: tötet.
(21) Hans Jonas, Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung, 67.




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